Nacheinander passieren in Vandenburg am Nordmeer drei schreckliche Morde...

Montag, 11. Mai 2009

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Peter Müller: Kommissar Kammeiers 10. Fall- Kammeier läßt denken


Personenregister:

Charly Kammeier, Hauptkommissar

Simone Schwarzkopf, Kripo

Klaus Engelhardt, Kripo

Frauke Hellmann, Kripo

Sven Vanderbelt, Kriminaltechnische Abteilung

Dr. Schulz, Pathologe

van Heukelum, Kriminalrat

Bernhard Brinkmann, Politische Polizei

Wilhelm Schnödel, Sachbearbeiter Sozialamt

Henry Wachtel- Goldschmidt, Direktor der Landau-Werft

Louise Bettenstieg, Geschäftsführerin Maren-Bronsch-Gesellschaft

Philipp Gonzales

Felix von Lehe

John Barrelts

Zui Zhen

Klaus Schumann

James R. Boogel

Lola Schneider

Elisabeth Gonzales


  1. Albtraum

Kommissar Kammeier trat aus dem Gebäude und ihn blendete die Sonne stark. Überall lagen Trümmer herum. Es war wie nach dem Krieg. Das Gebäude, das er gerade verlassen hatte, sah aus wie der Rest eines Bunkers oder eines dieser von israelischen Bomben zerstörten Häuser im Ghaza-Streifen. Sein linker Arm schmerzte, als habe man ihn angeschossen. Kammeier hatte das unbestimmte Gefühl im Ghaza-Streifen zu sein. Auf der Straße liefen vermummte arabische Frauen herum und starrten ihn neugierig an. Hungrige Kinder liefen um das Haus herum. Er hatte Hunger und sein Magen meldete sich. Kammeier verspürte Durst. Von irgend woher hörte er das Tackern einer Maschinenpistole. Auf der Straße sah er zwei uniformierte Hamas-Polizisten vorbeigehen und kontrollieren. Das ist doch nur ein Albtraum, dachte er, und wollte aufwachen. Auf der anderen Seite der Straße entdeckte er jetzt ein riesiges Bürohaus, das nur noch ein Betongerüst war. Fenster, Türen, Wände- alles war weg. Kammeier hatte Brandgeruch in der Nase. Neben sich sah er eine junge Frau wie eine brennende Fackel ins Haus laufen. „Eine Phosphorbombe“ dachte er. Irgendwie war er gelähmt und konnte nichts tun. Seine Beine versagten ihm den Dienst. Von ganz weit her hörte er jemand sagen: „Sie haben selbst Schuld, sie haben Hamas gewählt.“ Geschwächt setzte er seinen Weg fort. Es gab kein Wasser, er fand nichts zu essen. In einer Nebenstraße stank die überlaufende Kanalisation zum Himmel. Er wünschte sich, dass sein Traum zu Ende gehen möge. Aber der Albtraum ging weiter. An der Kreuzung stand eine Muslimin in grüner Kampfuniform. Sie trug ein Kopftuch und beim Näherkommen sah Kammeier, dass es Simone Schwarzkopf, seine Kollegin war. Sie blickte ihn an, als kenne sie ihn nicht. Dann sagte sie: „Sie werden uns 4,5 Milliarden Euro überweisen, aber dafür sollen wir uns verbiegen. Sie wollen, dass wir mit Abbas kooperieren.“ In diesem Augenblick hörte Charly Kammeier einen ohrenbetäubenden Krach von oben. Ein israelischer Kampfhubschrauber war im Anflug. Die Menschen flüchteten von der Straße in die Häuserruinen. Er hörte das Maschinengewehr hämmern. Tack, Tack, Tack. Kammeier musste pinkeln und wachte schweißgebadet auf. Er hatte den Krieg Israels gegen die Hamas unterstützt. Dann wurde ihm lächelnd klar, dass sich seine Frau Maria für zwei Wochen auf Dienstreise befand.


  1. Der erste Mord

Am 28. Februar wurde Wilhelm Schnödel, auf der Reiner-Müller-Straße auf einem unbefestigten Seitenstreifen, der zum Konderapark führte, auf offener Straße mit einem Messer ermordet. Als der Mann auf der Straße lag, kam ein alter Mann vorbei und sagte:„Gott, was ist denn Ihnen passiert? Er bückte sich nach dem Menschen, den er nicht kannte, musste aber feststellen, dass der Mann bereits verblutet war. Er rief Polizei und Feuerwehr an. Eine Passantin hatte von weitem beobachtet, wie ein in schwarz gekleideter Mann dem Opfer ein Messer an den Hals hielt und dann zustieß. Der tote Mann hatte dort ein paar Minuten auf der Straße gelegen. Als die Polizei am Tatort eintraf, hatte sich bereits eine neugierige Menge gebildet. Der Tatort musste abgesperrt werden. Neben der Leiche fanden Polizisten auf einem Blatt Papier das Symbol der Anarchisten, das A mit dem Kreis darum herum. Gegen 10.15 Uhr trafen Kommissar Kammeier, seine Kollegin Simone Schwarzkopf und die Spurensicherung ein. Kammeier ließ sich von den Polizisten informieren. Kurz darauf erschien der Pathologe Dr. Schulz um die Leiche zu untersuchen. Die Leiche lag etwas unglücklich auf dem feuchten Boden. Ganz deutlich waren hier aber auch Schuhspuren zu erkennen, möglicherweise vom Mörder. Der Kommissar wies die Kollegin der Spurensicherung an, den Schuhabdruck zu sichern. Kammeier schaute sich am den Tatort um und hatte den Verdacht, der Täter könnte sich durch den Park geflüchtet haben. Ein Polizist trat an Kammeier heran. Er hatte eine große, kräftige Frau Anfang zwanzig im Schlepptau. Es handelte sich um eine recht korpulente und freundliche Frau. Kommissar“, meinte der Polizist, „diese junge Frau, Anna Bauer, hat den Täter gesehen.“ Charly Kammeier nickte der jungen Frau zu. Sie begann zu erzählen:

Der junge Mann war ganz in schwarz gekleidet. Sehr auffällig. Er hatte eine Sturmhaube auf, aber sie war verrutscht und ich konnte etwas von seinem Gesicht erkennen. Ich stand hier hinter dem Gebüsch, weil ich die Spatzen beobachtet hatte. Es war ein vollschlanker, junger Mann mit Bewegungen wie ein Teddybär. Er wirkte etwas ungelenk und behindert, und ich schätze ihn auf 1,85 m groß.. Und ich glaube, er hat bei der Flucht durch den Park etwas verloren. Er rannte nämlich in seiner Eile dort neben der Bank gegen einen der Obdachlosen. Dabei hat er sein Handy verloren, dass am Gürtel klemmte.“ Anna Bauer reichte dem Kommissar ein einfaches, billiges Nokia-Handy. Kammeier zog sich Kunststoffhandschuhe über und reichte das Handy an die Spurensicherung weiter. „Stellen Sie fest, wem der Telefon-Anschluss gehört, werten Sie das Telefonbuch aus und lassen Sie feststellen, mit wem der Täter die letzten Telefonate führte.“

Der Kommissar sprach den Pathologen an: „Nun Doktor, was können Sie mir sagen? Wie ist es passiert?“

Nun“, meinte Doktor Schulz etwas zögerlich, „der Ermordete wurde vor kurzem mit einem Messer erstochen. Der Tote ist verblutet. Der Mörder hat ihm die Hauptschlagader am Hals durchtrennt.“ Kammeier drehte sich seiner Kollegin Schwarzkopf zu und meinte: „Na, was denkst Du?“

Ein Sachbearbeiter vom Sozialamt, was soll schon sein.“ meinte sie sachlich und kurz angebunden.

Kammeier ließ nicht locker: „ Und was sonst noch, Simone?“

Die Mafia räumt in ihren eigenen Reihen auf,“ sagte sie und ließ ihn stehen.


  1. Der zweite Mord

Am 1. März wurde der Werftdirektor der Landau-Werft“, Henry Wachtel-Goldschmidt, mittags beim Verlassen des Verwaltungsgebäudes von einem schlanken, schwarz gekleideten jungen Mann im Vorbeigehen ermordet. Passanten erklärten, der junge Mann habe eine Sturmhaube getragen. Eine junge Frau sah den Werftdirektor auf der Straße in seinem Blut sterben und rief die Polizei. Auch hier wurde am Tatort das A der Anarchisten gefunden. Als Kommissar Kammeier am Tatort eintraf, ordnete er zunächst an, den Tatort abzusperren und die Menschen weg zu schicken. Er ließ nach Zeugen fragen. Zu seiner Kollegin Simone Schwarzkopf sagte er: „Schon der zweite Mord.“

Eine Frau Anfang vierzig machte dem Kommissar ein Zeichen. Sie wurde durch die Absperrung gelassen. Sie stellte sich als Edith Wintermeier vor. Sie sagte: „Der Täter war ganz in schwarz gekleidet. Er hat dort vor dem Eingang gewartet. Er fiel mir auf. Er muss sich ausgekannt haben. Denn er wusste scheinbar, wann der Direktor jeden Morgen das Haus verlässt. Als Herr Wachtel-Goldschmidt aus dem Haus trat, sprach er ihn an. Aber der ignorierte ihn. Da rammte er ihm sein Messer direkt ins Herz. Er sah sich um, und begann zu rennen. Er muss noch jung gewesen sein, vielleicht Anfang 30. In der Hektik ist er mit dem großen, kräftigen Arbeiter dort zusammengestoßen.“

Ein Kollege von der Spurensicherung, der ganz in Plastik gekleidet erschien, bückte sich, suchte im Rinnstein, und kehrte grinsend zurück. Er hatte ein mit Blut beschmiertes Messer in der Hand. Er zeigte es dem Kommissar. Kammeiers Laune stieg. Das war doch etwas. Laut meinte er:

Könnte ein Fischermesser sein. Lassen Sie das Messer nach Fingerabdrücken untersuchen. Da haben wir doch vielleicht schon mal etwas.“ Kammeier sagte zu seiner Kollegin Schwarzkopf:

Die ehrenwerte Gesellschaft streitet sich.“ Und Simone Schwarzkopf meinte: „Ich sehe schlimme Dinge auf uns zu kommen.“


  1. Der dritte Mord

Am 2. März wurde die Geschäftsführerin der Maren-Bronsch- Stiftung, Louise Bettenstieg, beim Verlassen ihrer Villa in der Chipton-Straße von zwei jungen Männern ganz in schwarz gekleidet und mit Basketballschlägern bewaffnet, solange zusammen gedroschen bis sie tot war. Ein Mann kam zufällig vorbei, erkannte die Zusammengeschlagenen und versuchte zu helfen. Die beiden Vermummten aber schrien den Mann an:

Das Schwein hat andere Menschen aus ihrer Wohnung vertrieben, Häuser nicht renoviert, aber immer die Miete kassiert, und in fast leer stehenden Häusern ohne warme Heizung sich um nichts gekümmert , es wurde Zeit, dass jemand dem Treiben dieses fetten Schweines ein Ende bereitet. Fahr zur Hölle!“

Der Mann flüchtete und Frau Bettenstieg verstarb kurz darauf an ihren Verletzungen. Als die Kripo am Tatort eintraf, hatten sich Nachbarn vor dem Haus versammelt. Kammeier fragte: „Hat jemand von ihnen etwas gesehen?“

Ein älterer Mann namens Schütte, um die 60, meldete sich und erzählte: „Ich war gerade in den Lieferwagen meiner Firma eingestiegen um Wäsche auszufahren. Frau Bettenstieg kam vom Grundstück ihrer Villa und ging zu ihrem Mercedes dort vorne, als plötzlich zwei junge Männer auf sie zu stürmten. Beide schlugen sofort mit einer unglaublichen Brutalität auf die Frau ein, sie fiel um, am Boden liegend wurde sie dann einfach totgeschlagen. Ich hatte große Angst und war wie gelähmt. Später habe ich die Polizei gerufen. Die beiden jungen Männer hatten es danach sehr eilig weg zu kommen. Sie sind mit einem alten grünen Opel Corsa, ziemlich angerostet, geflüchtet. Das Kennzeichen habe ich nicht erkennen können: VAN-?-?“

Kammeier meinte zu dem älteren Mann: „Können Sie die beiden jungen Männer beschreiben?“

Herr Schütte sagte:“ Der eine sah brutal wie ein Krimineller aus, und ich glaube sogar, dass er eine Waffe dabei hatte. Der andere sah eigentlich ganz nett aus. Ein richtig gut aussehender junger Mann. Der hat bei den Frauen bestimmt Chancen. Ich schätze ihn auf Mitte zwanzig. Sah aus wie einer, der aus einer besseren Kiste kommt. Aber der hatte irgendwie eine stinkende Wut auf diese Frau.“

Der Kommissar meinte zu seiner Kollegin Simone: „Gibt die Beschreibung des alten Corsas durch, ob es ein solches Fahrzeug gibt und wem es gehört. Und auch die Personenbeschreibungen.“ Kammeier wusste, dass seine Kollegin nicht nur Gedanken lesen, sondern auch in die Zukunft schauen konnte. Er sah sie an und meinte: „Und?“

Die einen machen die Drecksarbeit und die anderen ziehen die Fäden“, sagte Simone mit drohendem Unterton.


  1. Alptraum II

Spät abends am 3. März saß Kommissar Kammeier an seinem Schreibtisch. Er war am Nachmittag nach langer Zeit mal wieder im Konderapark gelaufen und fühlte sich gut. Sein Vorgesetzter Kriminalrat van Heukelum hatte ihn mit der Aufklärung der Mordserie beauftragt. Kammeier dachte: Ich bin zwar kein Anarchist, aber mich wundert es nicht, dass sich der Mob gezielt an diesen Leuten ausgelassen hat. Wieso eigentlich Mob? Kann es sein, dass die „Bürgerwehr“ hinter den drei Mordanschlägen steckt? Kann man solche Probleme nicht politisch lösen? Wer steckt hinter diesen Morden, war es ein Täter oder waren es mehrere Täter? Kammeier fragte sich: warum gerade ein Mitarbeiter des Sozialamtes? Kammeier dachte: Vor drei Wochen hat mir ein Kollege vom Sozialamt eine Geschichte erzählt. Da ging es um Wilhelm Schnödel, der als Sachbearbeiter im Sozialamt dafür bekannt und berüchtigt war, dass er Sozialhilfeempfängern die Sozialhilfe kürzte, wenn er sie beim Betteln am Hauptbahnhof oder in der Hauptgeschäftsstraße beobachtete. Schnödel hatte zweimal einen Klienten beim Betteln beobachtet. Einmal zählte er 1,40€ und das andere Mal 6 Euro in der Blechdose des Mannes. Daraufhin reduzierte das Sozialamt auf Basis einer Hochrechnung die monatliche Unterstützung um 120€. Der Kommissar lehnte sich in seinem Sessel zurück und musste an den Kinofilm Robin Hood denken und lächeln.

Geht es hier um Gerechtigkeit und Rache a la Robin Hood? fragte er sich.

Es war bereits nach zweiundzwanzig Uhr und Kommissar Kammeier begann in den „Vandenburger Nachrichten“ einen Artikel über die wachsende Islamisierung der Gesellschaft zu lesen. Der Autor schien Kontakte in Geheimdienstkreise zu haben, denn er behauptete, dass der fundamentalistische Islamismus bereits Einfluss im Polizeiapparat als auch in Geheimdienstkreisen genommen habe.

Kammeier wusste nicht mehr, ob der 3. oder März war. Ein Blick auf den Wandkalender zeigte ihm: es war heute der 4. März.

Merkwürdig, dachte er…. Habe ich 24 Stunden hier am Schreibtisch gesessen, oder rast das Leben an mir vorbei? Es war wohl der 4. März und der Kommissar wirkte etwas verwirrt. Wenn er sein Bier zu Ende getrunken hatte, würde er tot ins Bett fallen. Es war wieder ein anstrengender und stressiger Arbeitstag gewesen. Und das ging nun schon seit sieben Tagen so. Er nahm sich vor, in dieser Nacht nicht vom Ghaza-Streifen zu träumen, sondern von einer schönen Insel im Ostmeer.

Ich werde alt, dachte er, und es geht bei diesen drei Mordfällen um Gerechtigkeit. Als wenn es Gerechtigkeit gäbe. Jemand fühlte sich scheinbar vom Sozialamt, der Landauwerft und einer unbekannten Maren-Bronsch-Gesellschaft schlecht behandelt. Dass wir aber am Tatort dieses Anarchisten-Symbol gefunden haben, deutet wohl auf eine neue Gruppe hin, die sich hier oder in Aldera gebildet hat. Oder ist das nur ein Ablenkungsmanöver? Wir werden umdenken müssen. Den ganzen Tag über hatte der Kommissar versucht seinen Freund James R. Boogel telefonisch zu erreichen, aber er hatte kein Glück gehabt.

In dieser Nacht träumte der Kommissar wieder, er sei im Ghaza-Streifen. Er stand auf der Straße und musste hilflos mit ansehen wie israelische Soldaten auf wehrlose Zivilisten schossen. Kammeier musste zusehen, wie Israels Soldaten die Häuser palästinensischer Familien einfach so zerstörten. Er selbst versuchte Schutz hinter einer Betonwand zu finden und sah wie eine alte Frau die Straße überquerte. Ein Offizier gab einem Scharfschützen den Befehl die Frau zu erschießen. Kammeier fühlte sich schlecht und musste sich übergeben. Aber der Albtraum ging weiter. Weil eine Mutter mit zwei Kindern auf der Straße in die falsche Richtung, wurden sie von einem Scharfschützen vom Dach eines Hauses erschossen. Schweiß nass wachte er auf und glaubte, dies wirklich erlebt zu haben. Er rannte aufs Clo um sich seinen Kopf zu kühlen.


  1. Terroranschlag

Der junge Mann mit dem Codenamen R1 stand am Fenster seines Apartment und lächelte. Er starrte hinunter auf die Straße. Von hier oben aus dem Hochhaus sah alles ganz klein aus. Er hatte wieder seine schwarze Bekleidung an. Er sah auf die Uhr, er hatte noch etwas Zeit. Dann zog er seine schwarze Sturmhaube über, steckte das Schnellfeuergewehr in den Rucksack und machte sich auf den Weg. Unterwegs telefonierte er kurz mit seinem Handy und gab weitere Anweisungen.

Gegen 9 Uhr morgens am 5. März hatte eine Gruppe von acht Vermummten das Gebäude der Vandenburger Nachrichten umstellt. Dann hörte man auf der Straße die ersten Explosionen im Gebäude. R1 blies zum Sturmangriff. Kurz darauf explodierten die ersten Handgranaten in den Fluren und Gängen. Im Haupteingang bewegten sich R1 und R2, ihre Schnellfeuergewehre im Anschlag, schnell voran. Sie schossen auf alles was sie bewegte. Sie töteten rücksichtslos und kaltherzig. Als R1 die Treppe nach oben betrat, hatten sie bereits fünf Verlagsangestellte nieder gemäht. R1 dachte:

Ihr kriegt alle Eure gerechte Strafe. Für die Scheiße, die ihr jeden Tag druckt, und vor allem für das was ihr nicht druckt.“

Eine junge, hübsche Frau kam ahnungslos um die Ecke. Erschrocken und voller Panik sah sie R1 auf den Abzug drücken. Tack, Tack, Tack, Tack. Eine Gruppe von Redakteuren verließ locker und entspannt einen Büroraum. R1 machte R2 ein Zeichen. Die Zähne von R1 knirschten als er auf den Abzug drückte. Sein Magen meldete sich. Auf dem Weg in das 4. Geschoss pflasterten Leichen seinen Weg. Die ganze Aktion hatte eine gute Stunde gedauert, danach war von denen im Haus befindlichen sechzig Verlagsangestellten keiner mehr am Leben. Sie trafen sich vor dem Hinterausgang. Auf dem Rückweg zu den bereitstehenden Autos mussten noch die Besatzungsmitglieder zwei herbeieilender Streifenwagen dran glauben. Gegen halb elf Uhr löste sich der Einsatz der R-Gruppe in Wohlgefallen auf. Ein Gefühl ungeheurer Befriedigung überkam R1. Gegen 4.15 Uhr wachte Kammeier auf, war Schweiß nass gebadet und wusste nicht, ob er den Anschlag selbst erlebt oder nur geträumt hatte. Nach einem Glas Wasser in der Küche sagte er sich: es war nur ein Albtraum, leg Dich wieder hin.


  1. Die Mordkommission tagt

Am Nachmittag des 5. März traf sich die Mordkommission unter Leitung von Kommissar Kammeier im Sitzungsraum der Kripo im 1. Stock der Fischhalle V. Es war gegen 9 Uhr als Kammeier die Sitzung eröffnete. Teilnehmer der Sitzung waren: Kriminalrat van Heukelum, Sven Vanderbelt, Leiter der KTA, Simone Schwarzkopf, Klaus Engelhardt, Bernhard Brinkmann von der Politischen Polizei, Charly Kammeier und Werner Schäfer vom LKA. Kammeier erläuterte:

"Wir vermuten, bei den drei Morden ähnliche Motive und den gleichen Täterkreis. Man könnte vordergründig aufgrund der gefundenen Symbole an Anarchisten denken, aber vielleicht soll uns das auch nur in die Irre führen. Was haben wir an Spuren, Kollege Vanderbelt?“

Sven Vanderbelt schaute interessiert zu Simon Schwarzkopf hinüber und hoffte auf ihre Aufmerksamkeit. Er sagte: „Nun bei dem ersten Mord an Herrn Schnödel, wurde dieses Blatt Papier mit dem Anarcho-A gefunden. Darauf haben wir keine verwertbaren Fingerabdrücke gefunden. Dagegen die Abdrücke der Turnschuhsohlen Marke Convers Größe 43 sind recht gut. Allerdings tragen viele junge Männer solche Schuhe. Die Zeugin hat eine brauchbare Beschreibung vom Gesicht des Täters gegeben. Wir haben anhand der Beschreibung eine Fahndung raus gegeben, allerdings bin ich skeptisch, ob das was bringt. Die Handy-Auswertung hat ergeben. Es handelt sich um ein Nokia 6100. Die Prepaid-Karte ist auf den Namen Felix von Lehe ausgestellt, 34 Jahre alt, angemeldet an der Pleene 15, in diesem Hochhaus am Wasser. Wir haben das dürftige Telefonbuch ausgewertet. Allerdings hat er seine Gesprächspartner nur mit Vornamen oder Spitznamen eingegeben. Wir haben uns vom Mobilfunkbetreiber eine Liste der Gespräche und der Telefonteilnehmer faxen lassen.

-1) James

-2) John Barrelts

-3) Zui Zhen

-4) Klaus Schumann

- 5) Philipp Gonzales

Das Bökermesser, dass beim 2. Mord gefunden wurde, haben wir ausgewertet. Wir haben Fingerabdrücke sichergestellt. Und die haben wir bei der Zentralen Stelle für Spuren abgleichen lassen. Aber noch kein Treffer. Der beim dritten Mord gesichtete grüne Corsa mit dem Kennzeichen VAN- führt uns zurzeit nicht weiter. Die telefonischen Gesprächspartner haben wir in unserem Polizeicomputer nicht erfasst. Sie sind bis auf Schumann nicht vorbestraft und auch sonst unbeschriebene Blätter.

Bernhard Brinkmann meldet sich zu Wort:

Zu den genannten Personen kann ich nur soviel sagen. Wir kennen einen Klaus Schumann, 35 Jahre alt, vorbestraft wegen illegalen Waffenbesitzes. Schumann verkehrt auch in Anarchistenkreisen. Diese Zui Zhen aus Aldera ist ein fast unbeschriebenes Blatt. Sie arbeitet in einer Kneipe und hat Kontakte in islamische Kreise. Aber wir beobachten seit ein paar Monaten eine Gruppe von jungen Leuten, die sich regelmäßig im Chat treffen. Wir gehen davon aus, dass es eine Anarchistengruppe oder eine Art Robin Hood sein könnte. Sie nennen sich R1- R8. Das sind ihre Pseudonyme. Und in ihren Gesprächen im Chat ging es auch um Konspiration. Wir haben vergeblich versucht die reale Gruppe in Vandenburg zu finden, weil sich irgendwie anbahnte, dass sie gemeinsame Morde planten, aber dann riss die Verbindung ab. Es ist noch bisher nicht gelungen, einen Spitzel einzuschleusen. Sie arbeiten im Untergrund und sind richtig gut. Angeblich haben sie Kontakte zu islamistischen Gruppen in Aldera.“

Simone Schwarzkopf beobachtete aus den Augenwinkeln, dass Vanderbelt immer wieder Blickkontakt zu ihr suchte, er lächelte sie verlegen an und suchte ihre Nähe. Simon dachte: „ Er sieht ja gut aus, und charmant ist er auch. Aber ein Kollege? Was hat er vor? Dieser Fall muss man ganz anders betrachten. Ich glaube nicht, dass eine Handvoll Anarchisten diese Aktionen alleine inszenieren, wenn da man nicht noch eine mafiöse Gesellschaft hintersteckt.“

Brinkmann fuhr fort und sah jetzt Kammeier an. Kommissar Kammeier konnte den Karrieristen Brinkmann nicht ausstehen.

Er hat etwas schleimig Falsches an sich, dachte Kammeier. Er sah nach draußen. Es regnete ohne Unterlass. Sie hatten für die nächsten Tage Wolken und Regen angekündigt. Er stand auf und sah aus dem Fenster. Drüben auf der Bickerwerft war auch nichts mehr los. Zuletzt hatten sie dort noch Sektionen für Containerschiffe gebaut. Aber sie hatten nur Verluste eingefahren und waren inzwischen insolvent. Er dachte: Solch einen brutalen Fall haben wir lange nicht mehr gehabt. Junge Leute vergreifen sich an Personen des öffentlichen Lebens wie einem verhassten Sozialamtsmitarbeiter, einem Werftdirektor oder der Geschäftsführerin einer Gesellschaft. Brinkmann fuhr fort:

Denkbar ist, dass einer der Mörder vom Werftdirektor gefeuert wurde. Diese Maren-Bronsch-Gesellschaft hält Beteiligungen an Hausverwaltungen in Lehe. Und die zur Bronsch-Stiftung gehörenden Hausverwaltungen sind dafür berüchtigt, dass sie im Stadtteil Lehe reihenweise Häuser verwahrlosen und vergammeln lassen. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Beschwerden aus Häusern der Eupenerstraße, Stormstraße, Gnesenerstraße, Goethestraße und anderen, dass Hauseigentümer sich nicht um ihre Häuser kümmerten, die Abschläge an die Stadtwerke nicht entrichteten und so die Mieter in kalten Wohnungen saßen. In vielen Fällen waren die Hausverwaltungen der Maren-Bronsch-Gesellschaft involviert.“

Kommissar Kammeier war zeitweise mit seinen Gedanken weit weg. Er dachte an seinen alten Freund James R. Boogel. Er versuchte seit Tagen ihn zu erreichen, Aber James ging nicht ans Telefon. Sie telefonierten sonst jeden Tag, aber seit dem 27. Februar hatte er nichts mehr von ihm gehört. Beunruhigt dachte Kammeier daran, dass sich James in den letzten Monaten mit dem Islam beschäftigt hatte und von neuen Freunden gesprochen hatte, die seine Gedichte zu schätzen wussten. Er hatte wie immer auf seine Hausverwaltung geschimpft, weil das Haus Gnesenerstraße 5 in dem er wohnte immer mehr verfiel. Die Hausverwaltung der Maren-Bronsch-Gesellschaft reagierte nicht auf Beschwerden. Im Parterre hatte man schon die Fenster zugenagelt.

Van Heukelum hörte auf zu lesen und schrie in den Saal:

Solch ein Quatsch mit den Anarchisten. Wer hat das an die Presse gegeben? Kammeier, Brinkmann? Ich will Ihnen was sagen meine Herren, mich verkaufen Sie nicht für blöd. Das ist die Handschrift professioneller islamistischer Terroristen. Brinkmann, warum decken Sie die? Warum bauen Sie hier den Popanz von Anarchisten oder Robin Hood auf? Stecken Sie womöglich mit den Islamisten unter einer Decke. Man redet ja hier im Hause einiges, dass sie starkes Interesse an der Islamisierung Platagoniens haben.“

Er holte tief Luft, nahm einen Schluck Mineralwasser und fuhr dann fort:

Der Innenminister hat mich vor einer halben Stunde angerufen. Er will sehr schnell Ergebnisse und Verdächtige sehen. Sonst rollen hier Köpfe. Finden Sie die Verdächtigen und verhaften Sie sie.“ Kammeier dachte: Verhaften Sie jemanden, Hauptsache, die Öffentlichkeit ist erstmal beruhigt. Schwarzkopf und Kammeier warfen sich Blicke zu. Charly Kammeier wusste, dass es jetzt ein denkbar schlechter Zeitpunkt war seinem Chef zu widersprechen. Aber… es musste sein.

Entschuldigen Sie, Chef“, sagte er, „aber mir scheint, wir müssen klären und beweisen, mit wem wir es zu tun haben. Da stehen Fragen im Raum wie: Warum wurden diese Morden begangen? Welche Motives hatte von Lehe?“

Kriminalrat van Heukelum lief rot an und hatte diesen knarrenden Ton, der keinerlei weiteren Widerspruch mehr duldete:

Kammeier, wir haben Morde aufzuklären. Und zwar sehr schnell. Bringen Sie mir die Mörder…ich will Ergebnisse sehen und mich interessiert es wenig, ob der Mörder islamistische oder anarchistische Gründe für seine Morde hatte. Das soll die Staatsanwaltschaft klären. Treiben Sie diesen von Lehe und seine Killerbande auf.“

Kommissar Kammeier aber ließ sich nicht klein kriegen. Er nahm wieder das Wort auf und fasste zusammen:

Fassen wir zusammen. Klaus gibt eine Fahndung über Fernsehen, Radio und die Zeitungen raus nach diesem Felix von Lehe. Das Phantombild liegt wohl bald vor. Weiterhin fahnden wir nach einem alten grünen Corsa mit dem Kennzeichen VAN-? Klaus Du besorgst einen Wohnungsdurchsuchungsbefehl für die Wohnung von von Lehe an der Pleene 15.

Simone, wir beide werden die Wohnung zusammen mit Kollegen der Spurensicherung durchsuchen und die Nachbarn befragen. Dieser Typ muss doch irgendwo aufzutreiben sein.“

Der Kommissar sah den wichtigen Kollegen vom LKA an. Werner Schäfer sagte:

Ich gebe die Spuren, die Sie bisher haben zur Zentrale und lasse alles durch unsere EDV laufen, vielleicht lassen sich noch andere Zusammenhänge finden. Trotzdem scheinen mir diese jungen Leute extrem gefährlich.“

Gut“, meinte Kammeier pragmatisch, “was wir noch brauchen sind Informationen über das Umfeld von Felix von Lehe und seinen möglichen Freunden. Mit wem verkehrte er? Gibt es einen Zusammenhang zu dieser Anarchistengruppe? Charly Kammeier fuhr fort:

Klaus, Du versuchst mal mehr über die Gesprächsteilnehmer von von Lehes herauszufinden. Ich meine John Barrelts, Zui Zhen, Klaus Schumann und Philipp Gonzales. Schau mal im Melderegister nach, ob Du sie dort findest. Und was hat es mit dieser geheimnisvollen Gruppe R1-R8 zu? Und ich möchte wissen, was Du über die Opfer heraus bekommen kannst.“

Kammeier verspürte Spannung, sehr viel Spannung im Rücken. Es musste jetzt weitergehen. Sie hatten drei Morde, aber nur einen Verdächtigen. Das war grottenschlecht.

Klaus, wenn Du den Durchsuchungsbefehl hast, sofort damit zu mir. Simone und Sven, wir treffen uns hier nach bei mir im Büro. Danke. Frohes Schaffen.“



  1. Fischhalle V

Nach der Sitzung der Mordkommission trafen sich Schwarzkopf, Vanderbelt und Kammeier in dessen Büro. Kammeier war irritiert über die Behauptungen seines Chefs, dass Islamisten hinter den Morden stecken könnten. Der Kollege Vanderbelt lachte nur laut und meinte: „Der Alte spinnt doch, gut dass er bald in Rente geht.“

So einfach ist die Sache wohl doch nicht“, meinte Simone Schwarzkopf und schmunzelte ein wenig überlegen, dabei sah die Sven freundlich an. Sie fuhr fort:

Hier in Vandenburg am Ende der Welt mit einem mittelgroßen Containerterminal wird sich keine Al Kaida-Zelle bilden. Alle diese vorliegenden Informationen scheinen mir doch eher für einen Einzeltäter oder eine Anarchistengruppe oder als Drahtzieher eine mafiöse Organisation. Aber das wäre doch zu viel Zufall, bei drei Einzeltätern, nein, es gibt einen Zusammenhang, das Ganze ist organisiert.“

Kommissar Charly Kammeier dachte nach. Simone pflegte zu sagen: Jetzt seid endlich still, der Chef lässt nachdenken. Tatsächlich ließ der Chef nachdenken. Laut sagte Kammeier:

Wenn ich mal von meinem Abträumen der letzten Tage absehe, dann haben wir es mit drei Morden an Leuten zu tun, die viel mit Menschen zu tun haben. Das riecht doch nach Rache, oder nach Gerechtigkeitsgefühl. Jemand rächt sich, der neidisch ist oder sich ungerecht behandelt fühlt“, meinte Kammeier.

Es trat eine Pause ein und Sven Vanderbelt verließ das Zimmer um an seine Arbeit zu gehen. Vorher aber warf er noch einen schmachtenden Blick auf Simone Schwarzkopf. Die lächelte und meinte:

Ich schaue mal nach Klaus wieweit er mit den Wohnungsdurchsuchungsbefehlen für von Lehe ist. Wollen wir alleine gehen oder das SEK mitnehmen?“

Kammeier schwieg und Simone Schwarzkopf verließ das Zimmer. Draußen herrschte grauer Himmel, die Straßen waren immer noch nass vom Regen. Der Kommissar stand auf und ging ans Fenster. Er musste nachdenken:

Das Ganze sieht komplizierter aus als zunächst angenommen. Für den ersten Mord verdächtigen wir Felix von Lehe. Hatte denn von Lehe etwas mit dem Sozialamt zu tun? Eine junge Frau hat eine Personenbeschreibung von ihm abgegeben. Wir haben sein Handy, seine Fingerabdrücke und einen Schuhabdruck.

Für den zweiten Mord haben wir nur ein Messer und Fingerabdrücke. Der Täter hat das Tatwerkzeug vielleicht am Tatort verloren und seine Fingerabdrücke hinterlassen. Der Täter hatte Insiderwissen über die Gewohnheiten des Direktors. Vielleicht jemand, der vor kurzem entlassen wurde.

Für den dritten Mord gibt es zwei Mörder, zwei in schwarz gekleidete junge Männer, der eine sah aus wie ein Krimineller, der andere machten einen smarteren Eindruck. Jedenfalls sind die Täter mit einem alten grünen Corsa weggefahren.

Aber wir haben keine Zeit, der Minister und die Kripo-Leitung machen Druck. Schon gar nicht können wir einen vierten Mord gebrauchen. Uns sitzt die Zeit im Nacken. Als erstes werden wir die Wohnung von Felix von Lehe besuchen und wir werden die Nachbarn befragen. Was aber, wenn die ganze Bande irgendwohin abgetaucht ist? Kommt darauf an, ob sie ihre Mission schon als erfüllt ansehen.

Das Warten auf die Durchsuchungsbefehle machte ihn nervös und er beschloss einen Spaziergang am Fischhafen zu machen. Es war kurz vor elf Uhr. Kammeier betrat die Straße und setzte sich in Bewegung. Ach, das tat gut. Dann fiel ihm wieder sein alter Freund James R. Boogel ein. Was machte der eigentlich, dass er nichts von ihm hörte? Kammeier suchte im Handy dessen Nummer. Wieder nur die Mailbox dran. Dem Kommissar kamen plötzlich unheimliche Gedanken. Konnte es sein, dass sein alter Freund James…..? Er mochte den Gedanken nicht zu Ende denken. Nein. Konnte es sein, dass James R. Boogel der sechste Mann war?

Langsam schritt er am Hafenbecken entlang und träumte davon wie es wohl dort drüben an der Kohlenpier vor fünfzig Jahren ausgesehen haben musste, als dort die alten Fischdampfer gelegen hatten. Kammeier betrat das Land des Lächelns.


  1. In der alten Villa

Sie hatten sich am Abend des 6. März unter gewissen Sicherheitsvorkehrungen in der alten Villa Kloppenburg an der Pleene getroffen. James hatte darauf bestanden sich noch einmal zu treffen. Als Philipp die alte, baufällige Villa betrat, hatte er ein ungutes Gefühl. Er hatte Angst, dass die Polizei sie hier in der belebten Straße beobachten könnte. Man brauchte nur die „Aldera News“ aufschlagen, um zu wissen, dass die Kripo Felix zur Fahndung ausgeschrieben hatte. Sie hatten sogar ein relativ gutes Phantombild gezeigt. Er wurde steckbrieflich gesucht. Philipp öffnete die Tür der alten baufälligen Villa. Er nahm Zui bei der Hand und sah sie kurz an. Er dachte: Ich habe die schönste Frau der Welt zur Freundin. Ich hätte sie nicht mitnehmen sollen. Zui Zhen sah Philipp mit ihren braunen Rehaugen an. Sie war verliebt und sie sah unschuldig, verlegen und wunderschön aus.

Sie betraten durch einen Flur das Wohnzimmer. Überall roch es feucht und nach Staub. Hier standen noch Möbel aus alten Zeiten herum. Der Besitzer des Hauses befand sich seit längerer Zeit im Pflegeheim und das Haus stand zum Verkauf. Philipp und Zui liefen im Haus herum, ängstlich, neugierig mit der Frage: ist hier jemand, den man fürchten muss? Aber es war niemand da. Kurz darauf erschienen im Wohnzimmer nacheinander Felix, John, Klaus und James. Keiner sagte ein Wort. Sie setzten sich nacheinander wie verabredet. Philipp empfand die Stille als bedrückend. Er wusste aber auch, dass James ihr Chef war und er würde bestimmen, wann es losging. Philipp dachte: Merkwürdig, dass wir als die Gerechten Sechs solch einen autoritären Chef haben. Das passt nicht zu uns. Aber wir sind doch eigentlich gar keinen richtigen Anarchos. Dann mußte er wieder zwanghaft an seine Eltern denken, und bekam einen erneuten Wutanfall.

James ergriff das Wort: „Nach unseren erfolgreichen Aktionen gegen unsere Gegner sind wir hier zusammen gekommen, um auszuwerten und über weitere Aktionen gegen die Schweine da oben zu beraten. So war es verabredet.“

James redete sehr schnell wie ein Maschinengewehr. Er fuhr fort: „Wir haben es denen da oben mal so richtig gezeigt. Wir haben Angst und Schrecken verbreitet. Gewissen Leuten geht der Arsch auf Grundeis. Selbst Schuld, hätten sie doch Gerechtigkeit walten lassen.“

Wieder entstand Schweigen, dann meinte Klaus: „Wir sollten die Aktionen fortsetzen. Ich schlage als nächstes vor, dass wir das Pressehaus der Aldera News platt machen. Ich meine damit, dass wir mit sechs oder noch mehr Leuten, dass Haus stürmen und denen mal so richtig zeigen was Sache ist. Einfach alles platt machen.“

Zui Zhen gehörte auch zur Gruppe, aber sie hatte ihre eigene Meinung in allen Dingen. Und nun riss ihr der Geduldsfaden als sie entgegnete:

Sag mal hast Du völlig den Verstand verloren? Dort arbeiten 60 Menschen im Haus. Die willst Du doch wohl nicht alle ermorden? Willst Du uns alle in den Knast bringen? Ich meine, es ging uns immer nur darum Gerechtigkeit wieder herzustellen. Zum Beispiel, wenn jemand die Sozialhilfe gekürzt wurde, nur weil er gebettelt hat. Oder wenn einem Ingenieur gekündigt wurde, weil er länger krank war oder weil eine Hausverwaltung ganze Straßenzüge verrotten und vergammeln ließ. Weil ihnen die Menschen, die in diesen Häusern wohnen, egal sind. Es ging uns allen um Gerechtigkeit und um Anstand.“

Philipp wollte etwas sagen, wurde aber von Felix übertönt, als dieser sagte: „Wir müssen jetzt höllisch aufpassen, die Bullen sind scharf geworden. Es läuft eine Fahndung im Fernsehen, im Radio und in der Zeitung nach mir und Euch anderen. Von mir gibt es sogar ein ganz gutes Phantombild. Ich kann mich nicht mehr auf die Straße trauen. Wir müssen jetzt extrem vorsichtig sein.“

Nachdem Stille eingekehrt war, sagte Philipp: „Es war schon ein Fehler sich hier zu treffen. Keine weiteren Aktionen. Drei Morde sind genug. Wir haben es der Arroganz der Macht gezeigt. Hochmut kommt vor dem Fall. Wir haben diesen kleinkarierten Sozi-Mitarbeiter erledigt, den Werftdirektor liquidiert und diese Bettenstieg aus dem Verkehr gezogen.“

Zui Zhen war die einzige Frau in der Runde und sie gehörte dazu. Trotzdem gingen die Gefühle mit ihr durch als sie sprach: „Das ist eine extreme Scheiße, die wir hier gebaut haben. Drei Menschen sind ermordet worden und ihr sitzt hier ruhig herum. Die Polizei wird uns jagen und alle kriegen. Die geben nicht eher Ruhe.“ Philipp schlug vor, die Nacht in der Villa zu verbringen und so geschah es auch. Im Keller hatten sie hinter einer Stahltür Matratzen ausgelegt und Lebensmittelvorräte in Regalen gesammelt. Zui Zhen hatte Angst in dieser einsamen Villa, auch wenn ihr geliebter Philipp bei ihr war. Sie hatte Angst, die Polizei könnte sie finden. Philipp dachte noch einen Augenblick daran, den Corsa weiter von der Villa weg zu parken, dann schlief er ein.


  1. An der Pleene

Niemand wusste warum, aber der richterliche Durchsuchungsbefehl für die Wohnung von Felix von Lehe lag erst am nächsten Tag auf dem Schreibtisch von Kommissar Kammeier. Jemand schimpfte auf das Amtsgericht und meinte: „Gott, die haben vielleicht Zeit.“ Aber man konnte machen was man wollte, es war so.

Die Weltwirtschaftskrise war auch im Hafen von Vandenburg angekommen und der Containerumschlag ebenso dramatisch zurückgegangen wie der Autoumschlag. Der Gesamthafenbetrieb dachte über die Entlassung von 1400 Arbeitern nach.

Simone Schwarzkopf hatte eigentlich in der Fußgängerzone von Aldera mit einer Freundin und zusammen einkaufen gehen wollen, aber nun war Dienst angesagt. Kammeier meinte: „Es gibt Leute, denen es bedeutend schlechter geht als uns. Ich möchte nicht in der Haut der Arbeiter der SSV-Werft stecken, die wieder einmal insolvent ist.“

In der Tat. Sie saßen in Charly Kammeiers schönem Büro mit Blick auf den Fischhafen und bereiteten den Einsatz An der Pleene 15 vor. Klaus Engelhardt meinte lächelnd: „Und denkt dran, vielleicht ist noch ein guter Mensch unter diesen anarchistischen Brüdern, den man bekehren kann. Wollt Ihr nicht lieber das SEK mitnehmen? Mir ist gar nicht wohl bei dem Gedanken, Charly, dass Du da ganz alleine mit Simone hinfährst. Gar nicht wohl.“

Charly Kammeier saß auf seinem Sessel und ließ denken. Simone Schwarzkopf grinste und meinte dann zu ihrem Kollegen: „ Ich weiß was Du denkst, Charly.“

Und was denke ich?“ fragte er ironisch zurück.

Simone Schwarzkopf konnte Gedanken lesen, nicht immer, aber immer öfters. Deshalb lächelte sie charmant und meinte: „Du denkst an Deine Maria und Du vermisst sie.“

Kammeier fühlte sich ertappt, machte aber gute Miene zum bösen Spiel und nickte.

Simone Schwarzkopf trat näher an Kammeier heran und sagte ganz leise, dass fast er nur er es verstehen konnte: „Und Du denkst an James und fragst Dich, ob er zur Gruppe der Anarchisten gehört. Vor allem aber hast Du Angst, dass wir ihn finden und womöglich noch verhaften müssen.“ Sie sagte das in einem besorgten und mit fühlendem Ton, in dem ihre ganze Sympathie und Liebe für Kammeier zum Ausdruck kam.

Es war Kammeier unangenehm, aber er fühlte sich von ihr verstanden und sah sie dankbar an, schwieg aber. Kammeier ließ wieder denken. „Es wird Zeit, Simone, wir müssen los. Von Lehe wartet nicht auf uns.“

Eine Viertelstunde später hielt Kammeier seinen silbergrauen 3er BMW an der Pleene in der Nähe des Museums an und ließ Simone aussteigen. Direkt am Fluss gab es einen Parkplatz. Sein Blick fiel auf die Pleene mit ihrem braungrauen Brackwasser. Er streckte sich und holte tief Luft. Die Luft roch nach Frühling. Oben auf dem Dach des kleinen Segelzubehör-Geschäftes saß ein Vogel und zwitscherte. Der Kommissar steckte seine rechte Hand in die Jacke um den Sitz seiner Dienstpistole zu kontrollieren. Langsam schritt er am Fluss entlang und spürte seine wachsende Nervosität im Herzbereich.

Wir müssen mit allem rechnen. Es kann sein, dass von Lehe Zuhause ist. Es kann sein, dass er bewaffnet ist und Widerstand leistete. Es kann auch sein, dass seine Anarcho-Freunde zu Besuch sind und uns einen heißen Empfang bereiten. Halte den Ball flach, versuchte er sich zu beruhigen. Wie lautete noch das zweite Boogelsche Gesetz: es geht alles ganz von selbst. Aber dann gingen seine Gedanken wieder ihre eigenen Wege: Vielleicht hätten wir doch das SEK mitnehmen sollen?

Simone Schwarzkopf war schon vorausgegangen und wartete vor dem Eingang An der Pleene 15 auf ihren Chef. Sie hatte blonde, kurze Haare, war 1,65m groß und hatte wunderschöne braunen Augen. Sie sagte: „Wir haben schönes Wetter. Fast wie Frühlingsanfang. Schade, dass wir am Samstag arbeiten müssen. Wie geht’s Dir?“

Sie kontrollierte den Sitz ihrer Waffe und suchte ihr Handy.

Kammeier und Schwarzkopf standen nun vor dem Eingang des Hochhauses, das im Eingangsbereich aus gebranntem Klinker gebaut war. Die Spannung stieg. Charly Kammeier suchte die Klingeltafel nach dem Namen von Lehe ab. Er sah Simone an. Sie warteten. Ein paar junge Leute kamen johlend aus dem Haus. Ist er dabei? fragte sich der Kommissar. Endlich hatte Simone den richtigen Klingelknopf gefunden.

4. Stock“ sagte sie laut, ein wenig zu laut, wie um sich Mut zu machen. Sie sah ihren Kollegen an. Sie warteten darauf, dass sich jemand am Lautsprecher meldete. Schweigen. Ein älterer Mann um die 70 kam aus dem Haus.

Sind Sie von der Polizei?“ fragte er neugierig, und fing ungefragt an zu erzählen: „Ich habe es in den Nachrichten gehört. Es steht ja sogar heute Morgen in der Zeitung, und das in unserem schönen Haus. Sicherlich suchen Sie Felix von Lehe.“ Der alte Mann stellte sich als Herr Manninger vor. Und Kommisssar zeigte ihm seinen Dienstausweis.

Sagen Sie Herr Manninger, wohnen Sie zufällig auch im 4. Stock?“ Der alte Herr nickte beflissen und freute sich, dass er noch gebraucht wurde. Es war ein geheimes Einverständnis, dass man nun zusammen arbeiten wollte.

Ich wollte eigentlich einen Spaziergang mit meinem Hund machen, aber wenn das so ist. Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Weg. Manninger lächelte Simone Schwarzkopf an. Er schien Gefallen an der attraktiven jungen Frau zu finden. Er langsam voran.

Herr Manninger, kennen Sie den Felix von Lehe persönlich?“ Die Frage von Simone Schwarzkopf hörte sich an, als hätte sie gefragt: spielen Sie mit von Lehe einmal in der Woche Schach?

Manninger gab keine Antwort. Vielleicht ist er schwerhörig, dachte Kammeier. Aber Manninger hatte die Frage sehr wohl verstanden. Langsam schlurfte er den Gang zum Fahrstuhl voran. Kammeier hätte eine Stecknadel fallen hören können. Von irgend woher hörte er stampfende Bässe. Manninger dreht sich um und sagte: „Der Felix ist ein guter Junge, der kriegt nur nichts mehr gebacken.“

Simone Schwarzkopf harkte nach: „Und warum ist Felix sauer auf das Sozialamt?“

Der alte Manninger hustete und schlurfte weiter. Dann meinte er: „ Der Felix der kriegt seine Stütze vom Sozialamt. Und den haben sie neulich beim Betteln erwischt. Das brachte das Fass wohl zum Überlaufen. Sie haben dem Felix die Stütze gekürzt, da haben sich die jungen Leute tierisch aufgeregt.“

Simone Schwarzkopf ließ nicht locker. „Und warum geht der von Lehe zum Sozialamt und nicht arbeiten?“

Manninger sah sie an. Er war alt und grau und konnte schlecht gehen. Traurig meinte er: „Von Lehe ist nicht arbeitsfähig. Der wurde vor zwei Jahren überfallen, schlug mit dem Kopf auf das Pflaster und lag ein paar Wochen im Koma. Hirnschädeltrauma. Er kann nicht mehr richtig sehen. Hat allerdings früher schon gekifft und gesoffen, aber jetzt kriegt er gar nichts mehr gebacken. Dabei ist er eigentlich ein ganz netter Kerl. Ein richtige Scheiße ist das.“

Simone fand, dass das Wort Scheiße aus dem Mund dieses alten Mann merkwürdig und fremd klang. Ihre Schritte hallten laut in dem kalten, langen Flur, der zum Fahrstuhl führte. Sie suchte Blickkontakt zu Charly Kammeier. Dann standen sie zu dritt vor dem Fahrstuhl, der sie nach oben führen sollte. Kammeier sah auf seine Armbanduhr: 11.14 Uhr. Er hatte auf einmal das Gefühl, dass Felix von Lehe und seine Bande dort oben in der Wohnung auf sie warteten und dass mit sehr schlechten Absichten. Der alte Mann ging voran und stieg in den Fahrstuhl.

Wir machen einen Fehler, dachte Simone Schwarzkopf.

Wir hätten das SEK mitnehmen sollen, wir laufen hier in eine Falle, dachte Kammeier.

Der alte Manninger hüstelte nervös und lachte.

Plötzlich klingelte Kammeiers Handy. Simone Schwarzkopf hielt intuitiv den Fahrstuhl.

Kammeier?“ meldete er sich. Sein Freund James R. Boogel war dran und sagte in einem ärgerlichen Ton: „Hör zu Charly, was suchst Du hier im Haus. Verschwindet. Es gibt nur Ärger.“

James, wo steckst Du? Ich suche Dich seit Tagen“, meinte Kammeier besorgt.

Boogel aber meinte in einem scharfen Ton: „Charly, ich warne Euch, verlasst sofort dieses Haus. Ich kann Euch sehen, und wir wissen, dass ihr Felix von Lehes Wohnung filzen wollt. Aber davon wird nichts. Verschwindet!“

Kommissar Kammeier versuchte sich nicht einschüchtern zu lassen. Aber die Drohung war offensichtlich. Den Freund Boogel konnte er vergessen, der hatte die Seite gewechselt und bedrohte sie gerade. Zu seiner Kollegin gewendet sagte er:

James ist dran. Er fordert uns auf das Haus zu verlassen. Scheinbar gehört er auch zu dieser Mörderbande.“

Sollen wir das SEK anfordern?“ fragte Schwarzkopf.

Wir verlieren zu viel Zeit. Sie sitzen da oben in der Falle. Wir müssen nur noch zuschlagen und sie einkassieren“, meinte Kammeier mutig.

Simone Schwarzkopf allerdings hatte die Befürchtung, dass die Anarchisten dort oben im 4. Stock vielleicht automatische Waffen haben könnte. Sie waren einfach zu wenige Personen für eine solche Aktion.

Als die drei im 4. Stock aus dem Fahrstuhl stiegen, war es auf dem langen Flur des Hochhauses ganz ruhig. Irgendwo klapperte eine Tür. Manninger ging wie selbstverständlich voran. Kammeier hatte ein ängstliches Gefühl, als wenn gleich jemand aus vollem Rohr auf die schießen würde. Er tastete nach seiner Waffe. Alles in Ordnung. Simone Schwarzkopf registrierte, dass die Wohnungsgesellschaft den Flur vor kurzem renoviert hatte. Manninger sagte:

Es ist gleich da vorne rechts Nr. 411.“

Kommissar Kammeier wechselte einen Blick mit seiner Kollegin. Simone Schwarzkopf spürte ihr Herz klopfte. Kammeier zog seine Dienstpistole aus dem Halfter und forderte Simone auf das gleiche zu tun. Die Spannung stieg. Manninger schlich vorsichtig voran. Auch ihm war inzwischen klar geworden, dass sie hier auf brenzliger Mission waren. Manninger blieb vor der Tür Nr. 411 stehen. Von irgend woher hörte Kammeier die Musik von Bruce Springsteen. Jetzt. Kammeier gab Manninger ein Zeichen zu klingeln, da entdeckte er überrascht, dass die Wohnungstür angelehnt war. Kammeier gab seiner Kollegin ein Zeichen ihn zu sichern, dann stürmte er mit vorgehaltener Pistole die Wohnung. Herzklopfen, tief Luft holen und dann stand er in der verwahrlosten Wohnung mit Blick in die Weite.

Hier ist keiner“, meinte Kammeier zu seiner Kollegin, „wir sind zu spät.“ Kammeier warf einen Blick in das verwahrloste Wohnzimmer. Überall lag Schmutz und Dreck herum. Auf dem Tisch stand eine Bierflasche, daneben eine Flasche zum Kiffen. Ein Bett, ein Tisch, ein Schrank mit Büchern, ein Computertisch, aber der Laptop war weg. Es sah aus, als wäre Felix von Lehe sehr kurzfristig ausgeflogen.

Was ist das denn hier?“ fragte Kammeier. Auf dem Schreibtisch lag eine alte Ausgabe der Aldera News.

Als was hat von Lehe eigentlich früher gearbeitet?“ fragte er seine Kollegin.

Ich weiß es nicht, aber hier im Regal hat er Lektüre der alten Anarchisten stehen, Bakunin, Proudhon, der Baader-Meinhof-Komplex von Stefan Aust und einige andere Bücher. Und ein Gedichtband von James R. Boogel.“

Ja, den kenne ich den Band. Darin hat er auch die 10 Boogelschen Gesetze niedergeschrieben.“

Manninger stand etwas hilflos im Zimmer herum und meinte dann: „Brauchen Sie mich noch?“

Nein, Danke“, meinte Kammeier und zu Simone Schwarzkopf gewendet sagte er: „Ruf bitte die Spurensicherung, die sollen hier alles filzen und durchleuchten.“ Kammeier blickte aus dem Fenster und spürte plötzlich, dass genau hier an dieser Stelle sein Albtraum stattgefunden hatte. Hier hatte R1 gestanden bevor der Terrorangriff losging. Alles Quatsch, dachte er, das war nur mein Traum. Ganz wohl fühlte er sich trotzdem nicht. Simone Schwarzkopf war nach nebenan ins Schlafzimmer gegangen um ungestört telefonieren zu können. Der Kommissar sah sich das Zimmer genau an. Gab es Hinweise, Spuren oder irgend etwas Verdächtiges? Hier musste mal ganz dringend aufgeräumt werden. Hier hatte also Felix von Lehe bis vor kurzem gehaust. Ganz so leer war die Wohnung dann wohl doch wieder nicht, denn Schwarzkopf fand im oberen Einbauschrank ein Fotoalbum, in dem auch neuere Fotos zu sehen waren. Auf einigen Fotos war wahrscheinlich von Lehe mit Freunden zu sehen. Dem Datum nach zu urteilen, war das Foto ein halbes Jahr alt. Neben von Lehe stand ein junger Mann von vielleicht 25 Jahren, charmant lächelnd und gut aussehend und daneben scheinbar dessen Freundin mit einem chinesischen Einschlag und wunderschön. Sie schätzte die junge Frau auf Anfang zwanzig. Auf dem Foto waren noch zwei junge Männer zu sehen. Wer waren diese Leute? Simone steckte das Foto ein. In diesem Schrank fand sie auch noch ein paar Halbschuhe von von Lehe, auch diese steckte sie in eine Plastiktüte. Wo steckt Felix von Lehe, fragte sie sich. Und wo ist dieser grüne alte Corsa abgeblieben?

Charly Kammeier stand am Fenster und sah unten einen grünen Corsa vorbeifahren. Gleichzeitig fragte er sich, von woher sein Freund James ihn angerufen hatte. Er musste doch hier im Haus gesteckt haben.


  1. Depression

Am 21. März trafen sich Kammeier, Schwarzkopf, Engelhardt und Vanderbelt im Büro von Kammeier in der oberen Etage von Fischhalle V. Draußen herrschte helles Frühlingswetter, nur kalt war es trotzdem. Es herrschte schlechte Stimmung, weil man ihren Kriminalrat an Heukelum zwangsversetzt hatte. Es herrschte auch eine bedrückte Stimmung, weil im Hafen von Vandenburg die Entlassung von 1400 Hafenarbeitern auf der Tagesordnung stand. Kammeier aber sagte:

Ich habe schlechte Stimmung, weil wir überhaupt nicht vorankommen. Die Wohnungsdurchsuchung bei Felix von Lehe war fast ein Flop. James R. Boogel hat mich zwar angerufen und mir gedroht, aber dort war niemand. Von Lehe hatte alles irgendwie Interessante aus der Wohnung geräumt. Wir haben lange Nasen gemacht. Die Fahndung nach von Lehe war bisher erfolglos. Er ist wie vom Boden verschwunden. Was sollen wir tun?“

Simone Schwarzkopf sah das etwas anders und sagte: „Wir haben doch das Fotoalbum auf dem von Lehe mit einigen Freunden zu sehen ist. Vielleicht sind es ja sogar seine Freunde von der Anarcho-Front.“

Solch ein Quatsch, die lassen sich auch gerade noch vom Fotografen ablichten, damit sie erkannt werden“ schimpfte der Kommissar.

Gegen 10.15 Uhr bekamen sie einen Anruf, dass vor der alten Kloppenburg-Villa an der Pleene, von einem Nachbarn ein alter verrosteter Opel Corsa mit der Vandenburger Nummer Van-P 756 gesichtet wurde.

Nachdem Engelhardt mit der Kfz-Stelle telefoniert hatte, sagte er: „Der Corsa, ist auf Philipp Gonzales zugelassen“, und fuhr fort: “Damit kommt Gonzales als einer der Tatverdächtigen für den 3. Mord in Frage.“

Charly Kammeier warf Engelhardt einen Blick zu, und meinte: „Die alte Kloppenburg-Villa steht seit einiger Zeit leer. Vielleicht stecken sie dort?“ Kammeier dachte: Vielleicht erwischen wir die verdammte Bande auf einen Schlag und dann drehen wir sie durch den Wolf und der Fall ist gelöst. Er musste grinsen. Oder wir finden wenigstens ein paar Spuren von ihnen. Auf jeden Fall haben wir das Auto von Gonzales, das könnte uns weiterhelfen. Irgendwelche Spuren findet die KTA immer.

Als sie mit Kammeiers BMW auf der anderen Seite der Pleene vor der alten Kloppenburg-Villa eintrafen, stand dort ein silbergrauer Streifenwagen an der Straße. Und tatsächlich entdeckte der Kommissar vor einer vornehmen, neueren Villa den gesuchten grünen Corsa. Schwarzkopf:

Gott ist der verrostet, den sollte der TÜV schleunigst aus dem Verkehr ziehen.“ Sie sah vorsichtig aus dem Auto, ob irgendwo bewaffnete junge Männer auf sie warteten, aber es sah ruhig aus. Kammeier hielt den Wagen einige hundert Meter entfernt von der Villa am Straßenrand an. Er kannte diese Straße von Spaziergängen mit seiner Frau Maria und er kannte diese Straße, weil er hier öfters früher mit seiner Fotokamera herumgeschlichen und die Reste der alten legendären Lencke-Werft fotografiert hatte. Sie stiegen aus.

Wenn der alte Corsa hier steht, müsste Philipp Gonzales auch in der Nähe sein, oder wohnt er dort heimlich in der alten verwahrlosten Villa? Wir sollten Verstärkung anfordern oder uns lächerlich machen?

Sie gingen zu Fuß in Begleitung der Streifenwagen-Besatzung zum alten grünen Corsa. Hatten sie das Recht den Wagen öffnen zu lassen?


  1. Die alte Kloppenburg-Villa

Am Morgen gab es beim Frühstück zwischen James und Klaus heftigen Streit. Beide waren Vertreter einer harten und gnadenlosen Richtung. James, der tief gekränkte Schriftsteller, der sich von den Aldera News übersehen und missachtet fühlte, und sauer auf seine Hausverwaltung war, war sich mit Felix von Lehe einig, man solle mit einem Terrorangriff auf das Pressehaus „den ganzen Laden voller Lügner plattmachen“, wie er sagte.

Zui Zhen fragte, wie er sich das denn praktisch vorstelle. Und James antwortete: „Sturmangriff mit acht vermummten Leuten, automatische Gewehre und alles niedermachen, was sich bewegt. Das werden die nie vergessen.“

Zui Zhen meinte: „Du bist ja völlig verrückt geworden.“

Klaus Schumann, der Mann, der für die Waffen zuständig war, meinte nur in einem knappen, kalten Ton: „Was können wir dafür, dass Dich Dein Vermieter im Kalten sitzen lässt, das Haus nicht renoviert und die Stadtwerke-Abschläge nicht bezahlt? Und James, Du bist sowas von empfindlich, das kotzt mich an. Wir werden das nicht machen.“

James musste daran denken, was er über die Maren-Bronsch-Gesellschaft wusste. Er musste daran denken, was er über Klaus Schumann und seine Beziehungen zur MBG wusste. James ahnte, dass Schumann hier die Funktion eines Spitzes spielte. Und Boogel glaubte zu wissen, warum Philipp Gonzales hier von Anfang an den Treiber gespielt hatte. James Boogel wußte viel über Philipps Beziehungen zu seinen Eltern, die in der MBG eine führende Rolle spielten

James suchte in seinem Rucksack nach seiner automatischen Waffe. Schumann erkannte, dass dies der einzige richtige Augenblick war. Es war seine Chance seinen Auftrag auszuführen. Er beobachtete misstrauisch Boogels Treiben. Zui Zhen hatte Angst, dass etwas Schlimmes passieren konnte. Philipp Gonzales sah aus dem Fenster und entdeckte den Streifenwagen und zwei in Zivil gekleidete Polizisten. Und schrie: „Verdammte Scheiße, die Bullen kommen. Wir müssen weg. Ab in den Keller.“

In diesem Augenblick hörte John Barrelts ein leises „Plopp“. Er sah Boogel an, dieser verdrehte die Augen und kippte aus der Stirn blutend nach hinten weg. Philipp Gonzales mahnte zur Eile. Zui Zhen sah noch einmal besorgt nach dem Toten, dann rannte sie den anderen nach in den Keller. Hier hatte Felix schon mit einigen schnellen Bewegungen, die stählerne Eisentür geöffnet. Philipp atmete heftig, sein Herz schlug laut.

Zwei Minuten später hatten sie die Stahltür von der anderen Seite fest verschlossen und verrammelt. Dann flüchteten sie durch einen langen, dunklen Tunnel.


  1. Der vierte Mord

Äußerst wachsam, hoch konzentriert und koordiniert bewegten sich fünf Polizisten auf die Kloppenburg-Villa zu. Kammeier, der als erster die Villa betrat, bekam Feuerschutz. Aber schon bald wurde ihm klar, dass hier niemand mehr war. Nur sein alter Freund James R. Boogel lag tot im Wohnzimmer auf dem Fußboden. Jemand hatte ihn aus nächster Nähe erschossen. Blut lief aus seiner Stirn. Kammeier war schockiert, traurig und gleichzeitig erleichtert. Er sah sich um und registrierte, Verwahrlosung, Schmutz, und Unordnung. Wer hatte hier gewohnt? Simone Schwarzkopf trat näher und meinte zu Charly Kammeier:

Hey, tut mir leid. Vielleicht ist es besser so.“

Kammeier schnaubte: „Das ist jetzt der vierte Mord, den diese Bande auf dem Gewissen hat.“ Von unten aus dem Keller hörten sie die beiden Streifenpolizisten rufen: „Hier haben Leute übernachtet und gefrühstückt. Hier müssen bis vor kurzem noch Leute gewesen sein.“ Alle rannten in den Keller. Jetzt konnte man die Schlafplätze sehen, da stand ein Tisch mit Frühstück. Hier waren Leute gewesen. Simone Schwarzkopf kommentierte: „Vielleicht haben die Anarchisten hier übernachtet. Sie wurden von uns überrascht und sie sind geflüchtet. Aber warum haben sie James ermordet?“

Vielleicht hatten sie Streit?“ meinte Engelhardt. Kommissar Kammeier kämpfte immer noch mit dem Tod seines früheren Freundes, da rief einer der Polizisten: „Hier ist eine Stahltür, vielleicht sind sie hier geflüchtet.“ Aber alle Versuche die Tür zu öffnen, scheiterten. Kammeier rief die Spurensicherung und Dr. Schulz, den Pathologen an. Die KTA sollte sich auch den Corsa vornehmen und nach Spuren auswerten. Hier war alles frisch, hier konnten sie pfündig werden. Simone Schwarzkopf sagte: „Die sind sehr übereilt geflüchtet. Sie müssen nur wenige Minuten vor uns verschwunden sein. Ich zähle sechs Schlafsäcke. Von Lehe, Gonzales und noch vier andere Leute.“ Charly Kammeier griff in die Jacke seines Freundes James R. Boogel und fand dort sein Handy. Das Telefonbuch hatte nur sechs Einträge: Philipp, Felix, John , Zui, Klaus und Charly.

Dieser Tag ging für Kammeier mit einer traurigen Abschiedsstimmung von seinem alten Freund James zu Ende.


  1. Das Land des Lächelns

Freitag, der 27. März in Vandenburg. Es regnete unaufhörlich. Simone aber strahlte schon am frühen morgen gegen 8 Uhr als sie aus Aldera zur Arbeit kam. Kammeiers Frau Maria war in der Zwischenzeit aus dem Urlaub zurückgekehrt und es ging dem Kommissar besser. Er konnte auch schon wieder lächeln. Gegen 9 Uhr hatte Kammeier die Mordkommission einberufen. Sie saßen am runden Tisch in Kammeiers Büro und tranken Kaffee. Nichts konnte Simone aus der Ruhe bringen. Kammeier dachte: wenn sie da ist, sind wir im Land des Lächelns und er freute sich über ihre Gegenwart. Anwesend waren: Klaus Engelhardt, Sven Vanderbelt, Simone Schwarzkopf und Charly Kammeier. Kammeier eröffnete das Gespräch: „Guten Morgen, ich hoffe, Ihr habt gut geschlafen.“ Er grinste. „Was gibt es Neues in unserem Mordfall Robin Hood?“

Alle wussten sofort was er meinte, und Vanderbelt begann mit einen Blick zu Simon zu berichten: „In der Wohnung von Felix von Lehe haben wir ähnliche Converse-Turnschuhe wie am 1. Tatort gefunden. Die Fingerabdrücke von seinem Handy stimmen mit denen seiner Zahnbürste und dem Rasierer in seiner Wohnung überein. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen dem Fahndungsfoto von von Lehe und den Fotos von ihm in seinem Fotoalbum. Es spricht einiges dafür, dass Felix von Lehe diesen Schnödel ermordet hat. Des weiteren haben wir im Sozialamt nachgeforscht. Der Abschnittsleiter hat uns berichtet, dass von Lehe ein Klient von Schnödel war. Laut Aktenvermerk gab es in der letzten Zeit Auseinandersetzungen. Und tatsächlich hat dieser ermordete Schnödel dem von Lehe die Sozialhilfe um 120€ gekürzt wegen Einkommens wegen Bettelei. Ach noch etwas. In der Wohnung von Lehes hatte Simone dieses Fotoalbum oben im Schrank gefunden. Wir haben uns dieses Album mal genauer angeschaut. Sehr interessant. Auf den letzten Fotos sieht man immer wieder die gleichen sechs Leute: Von Lehe, Boogel und vier andere von denen wir annehmen, dass es dieser Sechsergruppe ist. Sie haben sich auch einen Namen gegeben: Die gerechten Sechs.“

Kammeier schüttelte innerlich den Kopf, und versucht sich nichts anmerken zu lassen. Er musste an seinen Albtraum von neulich denken und fragte sich, ob die 6 Gerechten auch noch diesen Terroranschlag vorhatten. Simone las seine Gedanken, dann aber wechselte sie die Blickrichtung Simone Schwarzkopf sah Sven Vanderbelt in die Augen. Es war ein langer Blick und Vanderbelt fragte sich, was er wohl zu bedeuten hatte..

Sven Vanderbelt fuhr etwas unkonzentriert mit seinem Bericht fort. „Wir haben mit mehreren Kollegen vor zwei Tagen die Wohnung des ermordeten James R. Boogel durchsucht. Die Wohnung in der Gnesenerstraße 5 befand sich in einem ordentlichen Zustand. In seinem Arbeitszimmer fand sich eine umfangreiche Bibliothek. Auf seinem Schreibtisch lag ein Ordner mit Schriftverkehr mit der Hausverwaltung. Boogel hatte sich viel mit der Hausverwaltung wegen des Zustandes seiner Wohnung und des gesamten Hauses gestritten. Seinen Notizen nach zu urteilen, hatte er massive persönliche Auseinandersetzungen mit dem Hausverwalter bis hin zur Maren-Bronsch-Gesellschaft. Denen ist er wohl auch persönliche auf den Hut gestiegen. Allerdings ohne Erfolg. In mehreren Gedichten, die er verfasst hat kann man seine Wut ahnen, die auf diese Gesellschaft hatte. Irgendwann ist ihm dann wohl der Draht durchgebrannt. Aufgefallen ist mir noch die umfangreiche Bibliothek über den Islam. Er hatte eine schöne Wohnung. Für einen Kranfahrer vom Containerterminal erstaunlich. Ach, da war noch etwas. James hatte Recherchen angestellt über diese Maren-Bronsch-Gesellschaft. Hoch interessant wo die überall drin hängen und mitmischen. Wir hatten noch keine Zeit die umfangreichen Akten auszuwerten.“

Vanderbelt schob Kammeier vier DIN A4-Ordner über den Tisch. Aber Kammeier schob die Ordner zu Engelhardt weiter und sagte: „Klaus, werte Sie aus und schreibe mir einen Bericht, eine Kurzfassung. Die mailst Du mir dann zu.“

Ach, und noch etwas, Boogels Tagebuch haben wir gefunden, jedenfalls das der letzten 4 Monate. Er schreibt an einer Stelle, dass er Klaus Schumann nicht traut und vermutet, dieser habe Kontakte zur Maren-Bronsch-Gesellschaft oder werde von ihr bezahlt. Beweise hatte er keine.“

Kammeier fühlte sich angegriffen und meinte gereizt: „Wer sagt denn das James R. Boogel diese Frau Bettenstieg ermordet hat?“

Vanderbelt entschuldigte sich für seine Vermutung und meinte einlenkend: „Nun, beweisen können wir nur, dass Gonzales am dritten Mordtatort war. Aber Boogel hätte auch ein Motiv. Da ist noch etwas, das Ihr wissen solltet. Boogel war wohl ein sehr mißtrauischer Mensch. Er meinte heraus gefunden zu haben, dass die Eltern von Philipp Gonzales im Vorstand der Bronsch-Stiftung mit Geld vertreten sind.“

Während Kammeier aus dem Fenster sah und entdeckte, dass die Sonne heraus kam, übernahm Klaus Engelhardt das Gespräch: „Ich sollte Erkundigungen über John Barrelts, Zui Zhen und Klaus Schumann einholen. Viel ist nicht dabei heraus gekommen, aber immerhin. Klaus Schumann ist 35 Jahre alt, vorbestrafter Anarchist, er kennt sich mit Waffen und Handgranaten aus und ohne festen Wohnsitz und gilt als gewalttätig und gefährlich. Wir vermuten, dass er in der Kloppenburg-Villa gewohnt hat. Zui Zhen ist genau das Gegenteil. Polizeilich ist sie noch gar nicht aufgefallen. Sie soll in Aldera Kunst studieren, ist wohl die Freundin von Philipp Gonzales und arbeitet in der Kneipe „Das Land des Lächelns“ in Aldera. Sie interessiert sich für Literatur und Islam. Leute, die sie kennen sagen, sie sei von einer atemberaubenden Schönheit. Sie hat eine kleine Wohnung in Aldera Walter-Grätsch-Straße 7. Ihr Freund Philipp Gonzales ist 26 Jahre alt und Student in Aldera. Sein Vater ist Psychiater und seine Mutter Lehrerin. Er bewohnt eine Wohnung im Grottenweg 5. Ach, der letzte im Bunde ist dieser John Barrelts, 30 Jahre alt, arbeitsloser Ingenieur. Er hatte bis vor 4 Monaten auf der Landauwerft gearbeitet, wurde aber wegen häufiger Krankmeldungen gekündigt. Man munkelt, er leide an einer Nervenkrankheit. Goethestraße 37.“

Gut gemacht“, meinte Kammeier. Er fühlte sich jetzt etwas sicherer in seinem Wissen. „Man kann ja langsam erkennen oder vermuten, wer wohl für diese drei Morde verantwortlich war. Es bekommt Konturen.“

Simone Schwarzkopf musste an den Frühling denken. Sie hatte am Morgen in der Nähe der Dienststelle beobachtet, wie draußen alles grün wurde, sie hatte sich über das Wunder des Frühlings gefreut. Sie sagte: „Und wenn nun alles ganz anders war? Sicherlich es spricht einiges dafür, dass Felix von Lehe diesen Schnösel ermordet hat. Und er hatte ein starkes Motiv. Sicherlich bei dem zweiten Mord kommt John Barrelts in Frage, weil ihm gekündigt wurde. Aber wer sagt, dass es sein Messer war, das wir im Rinnstein fanden? Und der dritte Mord? Der PKW von Philipp Gonzales wurde am Tatort gesehen. Gonzales wird aber als charmant und freundlich beschrieben, er hat diese Kunststudentin als Freundin, wie passt das zusammen? Gar nicht. Sicherlich das Fotoalbum von von Lehe auf dem sie möglicherweise alle zu sehen sind, macht nachdenklich, ja, aber Beweise sind es auch nicht.“

Was hat die Spurensicherung denn in der alten Kloppenburg-Villa gefunden, Sven? Dort hat die Truppe doch wenigstens eine Nacht zusammen verbracht? Was ist mit Fingerabdrücken, Spuren, etc?“

Vanderbelt:„Wir haben dort eine ganze Menge Spuren gefunden, können sie aber nicht zuordnen. Interessanter war schon der Corsa von Philipp Gonzales. Dort haben wir eine Digitalkamera mit Aufnahmen gefunden.“

Kammeier ließ sich die Adressen der 6 Gerechten geben. Er las:

Felix von Lehe, An der Pleene 15

John Barrelts, Goethestraße 37

Zui Zhen, Aldera Walter-Grätsch-Str. 7

Klaus Schumann, ohne festen Wohnsitz

Philipp Gonzales, Grottenweg 5

James R. Boogel, Gnesenerstraße 5

Kammeier dachte: Welchen Zusammenhang gibt zwischen diesen Menschen. Was hat sie zusammengeführt? Wer ist der Chef? Wo treffen sie sich? Laut sagte er: „Wir brauchen Durchsuchungsbefehle für die restlichen Wohnungen. Klaus, darum kümmerst Du Dich. Was ist auf der Digitalkamera zu sehen?“

Sven Vanderbelt antwortete: „Es sind Fotos von Philipp und Zui, privater Natur.“

Simone Schwarzkopf reckte sich und meinte: „Diese Villa an der Pleene sollten wir im Auge behalten, falls sie wieder kommen. Und dieser Schumann braucht ja eine Unterkunft. Was ist mit dem Tunnel unter der Villa? Habt ihr die Stahltür öffnen können? Wohin führt der Tunnel?“


  1. Im Verlies

Kammeier musste den Fall lösen, deshalb war er auch bereit mit dunklen Gesellen zusammen den Dungeon, den er aus Computerspielen kannte, zu betreten. Es war dunkel und gespenstisch. Immer wieder hatte er das Gefühl, der Maren-Bronsch-Gesellschaft ganz dicht auf den Fersen zu sein, dann öffnete sich plötzlich eine Falltür und er fiel einen Stock tiefer und landet in einer anderen Welt und musste wieder von vorne anfangen. Auf Gang 3 traten ihm plötzlich die Eltern von Philipp Gonzales aus einer dunklen Holztür entgegen und meinten: Es geht um Dein Leben. Charly. Kammeier lief weiter wie von Hunden gehetzt. Dann plötzlich ging es nicht mehr weiter wie im Bergwerk. Eine Stimme sagte: Glauben den 6 Gerechten nicht. Sie sind gekauft. Rechts tauchte Schumann mit einer automatischen Waffe auf und schoss auf Kammeier. Die Wand öffnete sich und eine junge, sehr hübsche junge Frau stand vor ihm. Sie lächelte charmant und liebevoll. Sie war noch jung und wirkte ein wenig schüchtern, aber sehr natürlich. Plötzlich wusste er, dass es Zui Zheng war. Kammeier erwachte und fing an zu schwitzen. Er wusste, jetzt war seine Nacht zu Ende. Umstellung auf Sommerzeit, dachte er und ihm wurde bewusst, dass heute der 29. März war. Er stand auf und erfreute sich an heißem Kaffee. Sie hatten schönes Wetter angesagt. Maria schlief noch tief und fest. Er betrachtete seine Frau und freute sich, dass sie da war. Charly streichelte ihr übers Gesicht und stand auf. Es war schon halb acht Uhr. Gott, dachte er, was für ein schrecklicher Traum. Aber er nahm es auch als Zeichen.

Sonntagmorgen in Vandenburg. Kammeiers waren in den letzten Wochen in ein Reihenhaus in der Robert-Baldwin-Straße 4 umgezogen. Der Sohn der Vermieterin hatte das alte Haus renovieren lassen. Nachdem die Eigentümerin ins Heim gegangen war, hatte der Sohn als Betreuer seiner Mutter das Haus für viele tausend Euro räumen lassen. Danach hatte eine Firma das Badezimmer für 8000€ renoviert, im ganzen Haus hatte man die Elektro-Anlage erneuert und von den Wände aller Zimmer waren die alten Tapeten entfernt worden. Auf Wunsch von Kammeiers hatte der neue Eigentümer Rauhfaser anbringen und mit Weiß streichen lassen. Es war ein kleines Reihenhaus mit 90qm. Wenn man das Haus betrat lag vorne links die Küche. Geradeaus nach hinten lag ein großes Wohnzimmer, Kammeier schätzte es auf mindestens 24qm. Vom Wohnzimmer schaute man in den Garten, der noch renoviert werden musste. Im oberen Geschoss lagen Badezimmer, Kammeiers Arbeitszimmer und das gemeinsame Schlafzimmer, das nach hinten raus lag. Wenn man das Schlafzimmer verließ, konnte man den Balkon betreten mit Blick in die Gärten. Eine ruhige Gegend. Nette Nachbarn.

Kommissar Charly Kammeier stand auf der Terrasse und blickte in die Gärten. Es roch nach Frühling, er hörte die Vögel zwitschern und überall in den Büschen fing es an grün zu werden.

Wochenende, endlich ist Ruhe im Karton, dachte er und genoss das schöne Wetter und die ruhige Stimmung. Dann aber fiel ihm wieder der Fall der “6 Gerechten“ ein und die Mail, die ihm sein Kollege Engelhardt über die Maren-Bronsch-Gesellschaft geschickt hatte. Er stieg in den 1. Stock, setzte sich an seinen PC und begann die Mail von Engelhardt zu lesen. Der Kollege schrieb:

Auswertung der vier Aktenordner von James R. Boogel zum Thema Maren-Bronsch-Gesellschaft. Boogel hatte im Internet recherchiert, dort war er aber kaum fündig geworden, weil diese Gesellschaft wenig bekannt ist. Boogel war bei der örtlichen Zeitung im Archiv gewesen, auch dort Fehlanzeige. Die ehemalige Geschäftsführerin Frau Louise Bettenstieg, war Mitglied der Bürgerlichen Partei, und hatte früher als Maklerin gearbeitet. Auf einem Notizzettel beschrieb Boogel seinen persönlichen Eindruck dieser Gesellschaft: Die MBG arbeitet im Verborgenen wie die Mafia. Kaum jemand weiß von ihrer Existenz. Im Vordergrund arbeiten verschiedene Maklerbüros und Hausverwaltungen. Tatsächlich aber gehören diese Verwaltungen alle zu 100% der MBG. Durch einen Bekannten lernte Boogel eines Tages Lola Schneider, Sekretärin bei der MBG in einem Cafe kennen. Die lernten sich kennen und lieben und hatten ein Verhältnis miteinander. Dadurch verkehrte Boogel in den letzten Monaten wie selbstverständlich dort, ging ein und aus und erfuhr eine Menge über die Strukturen dieser Gesellschaft. Aus Neugierde fiel ihm ein Protokoll der Vorstandssitzung in die Hände, und er entdeckte, dass die Eltern von Philipp Gonzales im Vorstand dieser Gesellschaft waren. Was für ein Zufall, dachte er. Boogel hatte Philipp nie darauf angesprochen, er glaubte aber zu wissen, warum Philipp einen solchen Hass auf die MBG und seine Eltern hatte. Von Lola Schneider erfuhr er ganz nebenbei, dass Klaus Schumann auf der Gehaltsliste der MBG stand. Auch dieses Wissen behielt Boogel für sich.


  1. Neue Geheimnisse

Die Vandenburger Kripo arbeitete seit dem ersten Mord am 28. Februar auf Hochtouren, aber leider ohne greifbare Ergebnisse. Am Morgen des 2. April saß der Kommissar ganz alleine in seinem Büro. Draußen hatte sich ein mächtiges Frühlingswetter mit Sonne ohne Ende breit gemacht. Temperaturen bis 15°C waren für diesen Tag angesagt. Kammeier saß am Schreibtisch und meditierte. Irgend etwas war da gewesen. Der alte Kanninger, was wusste der alte Kanninger über die 6 Gerechten? Sein Freund Boogel musste sterben, weil er zu viel wusste und niemand davon erzählte hatte, oder? Was war mit dem Tunnel gewesen, der von der Kloppenburg-Villa irgendwohin führte? Wohin führte dieser Tunnel, warum wusste er nichts von Vanderbelts Ermittlungen? Wohin waren die jungen Leute geflüchtet? Wo versteckten sie sich? Warum waren die 5 Gerechten spurlos vom Boden verschwunden? Die Tatsache, dass dieser vorbestrafte Schumann möglicherweise als U-Boot für die Maren-Bronsch-Stiftung in der Gruppe der 6 Gerechten gearbeitet hatte, machte Kammeier misstrauisch. Der Kommissar stand auf und blickte aus dem Fenster auf den Fischhafen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie laut: „Hört denn in diesem Scheißladen überhaupt niemand mehr auf mich?“

Kammeier rannte ins Nachbarzimmer, wo sein Kollege Klaus Engelhardt konzentriert am PC saß. Ihre Blicke trafen sich. Kammeier schnaufte laut. Engelhardt versuchte heraus zu bekommen war los war.

Ruf die Leute zusammen, wir machen in zehn Minuten Team. Ich will wissen was los ist, sind hier eigentlich alle gegen mich?“ brüllte Kammeier und ging wieder in sein Zimmer. Klaus Engelhardt ging durch alle Räume und informierte Simone Schwarzkopf und Sven Vandervelt. Als sich endlich alle bei Kammeier versammelt hatten, meinte er: „Ich möchte auf den neuesten Stand gebracht werden. Sven, was ist mit dem Tunnel, der von der Kloppenburg-Villa ins Nirvana führte?“

Der junge und gut aussehende Sven Vanderbelt, lächelte smart und warf einen verliebten Blick zu Simone. Er begann seinen Bericht:“ In der Tat, wir haben die Stahltür öffnen lassen, und mussten dann einen circa 1,5 Km langen Tunnel lang laufen bis wir den Aufstieg fanden. Der führte in ein Geschäftshaus.“

Kammeier war geistig einen Augenblick lang abwesend. Er hörte aus den Dungeons seiner inneren Welt plötzlich Keith Jaretts Kölner Konzert. Diese kristallklaren Klavierklänge, die er schon hunderte von Male zu hause gehört hatte. Dann war da wieder dieses Bild, dass Vanderbelt in ihm gemalt hatte. Das Bild eines alten Vandenburger Geschäftshauses aus der Jahrhundertwende. Und aus einem ihm nicht bekannten Grunde musste er an die Maren-Bronsch-Stiftung und den alten Kanninger denken. Sven Vanderbelt fuhr in seinen Erläuterungen fort. Aber Kammeier traf der Blick von Simone Schwarzkopf. Eine Sekunde lang musste er an die heiße Nacht damals mit ihr denken, dann aber funkte es. Sie wollte ihm etwas sagen. Genau das war es. Sie hatte auch die Zusammenhänge erkannt. Sie lächelte ihn an, aber es war ein Lächeln geheimnisvollen Einverständnisses. Kammeier fühlte, dass sie ihn verstand. Simone verstand ihn immer, das war das Schlimme und Gefährliche an ihr. Er musste wieder lächeln. Simone hatte seine Gedanken gelesen und sie hatte auch die Klänge von Jarretts Kölner Konzert gehört. Sie war schon eine tolle Frau, aber darum ging es jetzt nicht.

Kanninger, dachte er, und Simone grinste.

Genau, dachte sie, Kanninger. Laut lachte Simone, aber sie war erschrocken über ihre gemeinsame Intuition.

Wie kann das passen? fragte sich Kammeier. Wenn die 5 Gerechten im Geschäftshaus der Maren-Bronsch-Stiftung wieder aufgetaucht sind? Mord Nummer 2 wurde gegen die Geschäftsführerin der MBG verübt. Und zwar nach meiner Vermutung durch Philipp Gonzales und Klaus Schumann. Beide haben Verbindungen zur MBG. Philipps Eltern sind im Vorstand, und Klaus Schumann steht auf der Gehaltsliste der MBG, wie passt das zusammen? Gut, bei Philipp G. könnte es Hass sein, und Klaus Schumann machte es vielleicht widerwillig, oder?

Simone Schwarzkopf hatte fasziniert die Gedanken von Kammeier mit verfolgt und gelesen. Fasziniert schaute sie ihn an. Sven Vanderbelt unterbrach seinen Vortrag und meinte eifersüchtig: „Wenn ihr mir nicht zuhört, kann ich auch aufhören zu reden.“

Schweigen trat ein. Danach fuhr Vanderbelt fort: „Der Tunnel endet in einem Geschäftshaus in der Hafenstraße, in dem unter anderem auch die Maren-Bronsch-Stiftung ihren Sitz hat. Von den fünf Gerechten keine Spur mehr. Das war es eigentlich auch schon.“

Simone Schwarzkopf machte ein langes, enttäuschtes Gesicht. Sie hatte das Gefühl wieder einmal Migräne zu bekommen. Charly Kammeier beobachtete seine Kollege besorgt. Was ist mit ihr? fragte er sich. Laut sagte er:

Wir sollten uns mal diesen alten Kanninger aus dem Hochhaus An der Pleene 15 vorknöpfen, ich habe das Gefühl, der weiß mehr als er sagt und vielleicht hat er noch Kontakte zu Felix von Lehe und den Gerechten 5. Klaus, ich will alles über die Maren-Bronsch-Stiftung wissen. Was hat es zu bedeuten, dass die Eltern von Philipp Gonzales dort im Vorstand sind, ist das Zufall oder?“


  1. Schöner Samstag

Als Kommissar Kammeier an diesem Samstag morgen schon früh auf stand, schlief seine Frau noch tief und fest. Er legte sich eine uralte CD von Genesis auf und hörte sich das Stück „Scenes from a night`s dream“ an. Und wieder sah er die Kutsche mit den acht Pferden über den Himmel donnern. Er reckte und streckte sich und ging nach draußen auf den Balkon. Sie hatten schönes Wetter bis 15°C angesagt. Wundervoll, endlich war der Frühling da und überall begann es zu blühen. Er hatte gerade seinen ersten Becher Kaffee ausgetrunken, als ihm ein schrecklicher Gedanke kam: was würde sein, wenn hinter all diesen Morden diese merkwürdige und eigentümliche Maren-Bronsch-Stiftung steckte? Die fünf Gerechten waren wie vom Erdboden verschwunden. Für eine Hausdurchsuchung bei der MBG reichte es vorne und hinten nicht aus. Kammeier hatte das vage Gefühl, dass mächtige Leute diese Gesellschaft deckten. Er dachte dabei an die Pleene-Bank und seinen Vorgesetzten.

Gegen 10 Uhr hatten sie sich im Büro von Kammeier verabredet. Klaus Engelhardt hatte den alten Richter endlich überzeugen können, ihm einen Durchsuchungsbefehl für die Wohnungen von John Barrels, Goethestraße 37 und Philipp Gonzales, Grottenweg 15 auszustellen. Kommissar Kammeier meinte. „Meines Erachtens gibt es drei Richtungen in die wir weiter vorgehen müssen. Simone, Du wirst den alten Kanninger besuchen und befragen, ich habe das Gefühl, der weiß mehr über die 6 Gerechten und ihre Entstehung als wir ahnen. Und zwar noch heute morgen. Klaus und Sven, ihr beide nehmt Euch mit Unterstützung der Kollegen die Wohnungen von Barrelts und Gonzales vor. Seid vorsichtig, beide sind bewaffnet und brandgefährlich, Ich werde mal Ermittlungen über die Louise-Bronsch-Stiftung aufnehmen. Klaus, hast Du dem Richter alle Unterlagen von James R. Boogel über diese MBG vorgelegt? Warum stellt der Richter keinen Durchsuchungsbefehl aus. Haben die Verbindungen nach oben?“

Klaus Engelhardt meinte: „Richter Oppermann hat sich wie immer hinter Paragraphen verschanzt, in Wirklichkeit hat er Angst, dass er Druck von oben bekommt. In einem Nebensatz meinte er, die Maren-Bronsch-Gesellschaft verfüge über die Pleene-Bank über excellente Beziehungen zur Bezirksregierung in Aldera.“


  1. Der alte Kanninger

Telefonisch hatte sich Kommissarin Schwarzkopf beim alten Kanninger angemeldet. Als sie im Fahrstuhl stand und sich auf das Wiedersehen mit dem netten alten Mann freute, fragte sie sich plötzlich, ob das ein Fehler gewesen sein könnte. Aus unerfindlichen Gründen hatte sie plötzlich Angst und wusste nicht warum. Vorsichtig schlich sie den langen Flur des Hochhauses entlang, aber außer einem jungen Pärchen, daß ihr verliebt entgegen kam, sah sie nichts Verdächtiges. Der junge Mann sah gut aus und hatte ein charmantes Lächeln, sie schätzte ihn auf 26 Jahre alt. Vielleicht war er Student oder etwas Ähnliches. Die junge Frau sah ungewöhnlich gut aus, sie hatte einen chinesischen Einschlag und hatte ein Lachen, dass die Welt hätte retten können. Gott, dachte Simone, so verliebt möchte ich auch mal wieder sein. Die beiden jungen Leute grüßten höflich. Und Simone Schwarzkopf dachte: sie sind sicherlich aus gutem Hause. Simone Schwarzkopf war 30 Jahre alt, blond und hatte eine Lederjacke mit Jeans an. Sie sah an diesem Morgen überhaupt nicht aus wie eine Kommissarin, sondern wie eine junge Frau aus, die auf dem Weg zu ihrem Freund ist. Entspannt ging Schwarzkopf den Gang zu Ende bis zum Apartment Nr. 415. Nach einer Weile öffnete der alte Kanninger lächelnd die Tür und meinte: „Kommen Sie doch bitte herein, Frau Kommissarin.“ Die Kommissarin schätzte Kanninger auf Mitte siebzig, er war klein, rund und sah bescheiden und freundlich aus. Simone Schwarzkopf war sofort positiv von ihm eingenommen und mochte den alten Mann sehr. Er bat sie herein und sie setzten sich im Wohnzimmer an einen Esszimmertisch direkt am Fenster. Der alte Kanninger verbeugte sich, entschuldigte sich um Kaffee zu kochen und Simone Schwarzkopf dachte: Das Lächeln der Bourgeoisie. Sie wusste nicht woher dieser Satz kam und sie empfand ihn als störend und unpassend. Sie machte es sich am dem Küchentisch gemütlich und blickte auf den Fluss. Nachdem Kannniger aus der Küche zurück gekehrt war und Kaffee eingeschenkt hatte, meinte Frau Schwarzkopf: „Sie wissen ja, dass wir die Morde an Schnödel, Wachtel-Goldschmidt, Bettenstieg und James R. Boogel aufklären. Wir sind dabei auf eine Anarchistengruppe mit dem Namen die Gerechten 6 gestoßen, zu der auch der ermordete Boogel gehörte. Nach unseren bisherigen Recherchen gehören zu der Gruppe der Gerechten 6 Felix von Lehe, John Barrelts, Zui Zhen, Klaus Schumann und Philipp Gonzales. Sie kennen Felix von Lehe persönlich und deshalb habe ich die Hoffnung, dass Sie mir weiter helfen können.“

Der alte Kanninger lächelte. Er lächelte wie jemand, der versteht und weiß. Er nickte und meinte dann: „Nun, Felix und ich sind Nachbarn. Wir haben einmal in der Woche zusammen Schach gespielt. Er lebt von Sozialhilfe und manchmal hat er sich etwas Geld hinzu verdient, indem er auf der Hauptgeschäftsstraße bettelte. Dabei hat ihn der Sachbearbeiter vom Sozialamt beobachtet, und ihm den hoch gerechneten Betrag abgezogen. Felix war sehr böse darüber. Er konnte sich gar nicht wieder ein kriegen. Seine Fantasien gingen mit ihm durch. Felix hat ein sehr starkes Gerechtigkeitsgefühl und das Bedürfnis nach Rache.“ Der Alte schwieg wieder und betrachtete das schöne Gesicht von Simone Schwarzkopf. Sie wollte ihn fragen, wie von Lehe Kontakt zu den anderen Anarchisten gefunden hatte. Aber er fuhr fort.

Sie sechs haben sich zuerst einmal in der Woche in der alten Kloppenburg-Villa ganz harmlos bei Klaus Schuman getroffen. Jeder von ihnen hatte Ungerechtigkeiten erlebt wie zum Beispiel John Barrelts, dem die Landauwerft wegen seiner häufigen Fehlzeiten gekündigt hatte. Es gab Diskussionen um die Frage, wie man etwas ändern könne in dieser Gesellschaft. Dieser Schriftsteller war dabei immer besonders frustriert. Er muss wohl sehr unter seiner Hausverwaltung gelitten haben. Die Gerechten 6 haben sich nach sechs Monaten auf Rache und Gewalt geeinigt. Jeder sollte sich verpflichten einen Mord zu begehen. Ich habe das alles nur zufällig und am Rande mit bekommen. Felix wurde immer misstrauischer und meinte dann, sie würden von der Politischen Polizei observiert. Zeitweise haben sich sie sich nur noch im Internet in einem Chat getroffen. Aber dort war die Polizei wohl auch hinter ihnen her.“

Der alte Kanninger lächelte nun gar nicht mehr. Er war sehr ernst geworden. Simone Schwarzkopf wollte ihn etwas fragen, aber der Alte fuhr fort: „Sie hatten sich zu einer gerechten Sache zusammen gefunden. Es wurde Mord daraus. Aber ich wurde die ganze Zeit das Gefühl nicht los, als ob jemand heimlich aus dem Hintergrund die Strippen zog und die jungen Leute manipulierte. Einmal traf ich James R. Boogel, der zu mir meinte: „Ich habe Angst, dass unsere gerechte Sache von der Maren-Bronsch-Gesellschaft missbraucht wird. Es gibt da Kräfte im Vorstand, die wollen die Geschäftsführerin und noch ein paar Leute loswerden. Nicht, dass wir deren Arbeit machen. Die Eltern von Philipp Gonzales, die dort auch im Vorstand sitzen, haben versucht Einfluss zu nehmen. …“

Simone Schwarzkopf dachte: Das Lächeln der Bourgeoisie. Sie erschrak sich zu Tode, als plötzlich Schüsse ertönten und der alte Kanninger tot nach hinten um fiel. Sie selbst verspürte einen Schmerz im Kopf und fiel in Ohnmacht.



  1. In der Goethestraße

Die Kommissare Klaus Engelhardt und Sven Vanderbelt stiegen aus der C-Klasse von Engelhardt aus. Engelhardt war der Mann, der lieber im Büro am PC saß und im Hintergrund Recherchen erstellte. Er war jetzt Mitte 30, hatte eine sportliche Figur und war eher der brave Beamtentyp. Klaus Engelhardt hatte etwas eigenbrödlerisches an sich. Er wohnte noch bei seiner Mutter im Haus. Klaus Engelhardt war Junggeselle. Hausbesuche bei schwer bewaffneten Anarchisten waren nicht seine Lieblingsbeschäftigung. Er wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass seine Kollegin Schwarzkopf verletzt und bewusstlos in einer fremden Wohnung lag. Engelhardt meinte zu seinem Kollegen: „John Barrelts, Goethestraße 37. Der Mann ist arbeitsloser Ingenieur und hat bis vor ein paar Monaten auf der Landauwerft gearbeitet. Ihm wurde gekündigt, weil er hohe Fehlzeiten hatte. Ich war im Personalbüro der Werft und habe mich dort ein bisschen umgehört. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich dort, er sei psychisch erkrankt. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen sind von einem Dr. Bolten ausgestellt. Aber Dr. Bolten schweigt mir gegenüber wie ein Grab. Auch eine Anfrage in der Psychiatrischen Klinik in Aldera war erfolglos. Der Chefarzt mauert.“

Sven Vanderbelt hatte zugehört, aber gleichzeitig auch schon damit begonnen sich die Goethestraße anzuschauen. Sven Vanderbelt gehörte zu den jüngeren Kollegen der Kripo, er war im Zusammenhang mit der Aufklärung des 6fach-Mordes in der Hafenstraße zur Mordkommission gestoßen. Sven Vanderbelt hatte vor kurzem die Anleitung der KTA übernommen, machte aber viel lieber Außendienst. Solange Vanderbelt sich erinnern konnte, war er in Simone Schwarzkopf verliebt gewesen. Aber niemand hatte das bisher bemerkt, am wenigsten Simon. Es war Vanderbelt Staatsgeheimnis. Sven Vanderbelt war ein gut aussehender junger Mann, Anfang 30 und charmant. Aber aus unerfindlichen Gründen traute er sich nicht Simone seine Liebe zu gestehen. Wenn er sich in der Nähe von Simone Schwarzkopf befand, genoss er ihre Nähe, wurde er angesprochen, stammelte er ihr gegenüber verlegen unsinniges Zeugs. Simone wusste nicht, was sie von ihrem Kollegen halten sollte.

Während Sven Vanderbelt von seiner Simone träumte, gingen die Polizisten über die Straße. Auf beiden Seiten der Goethe-Straße standen fünfstöckige Mietshäuser aus der Jahrhundertwende. Die Straße war so schmal, dass die Straße immer im Schatten lag. Kurz hinter der Kreuzung Goethestraße und Kistner Straße hatten sie geparkt. Hier gab es nur wenige Parkplätze. Aus dem Kaufmannsladen von Edeka kam ein älterer Mann mit einer Plastiktüte voller Bierflaschen. Vanderbelt wusste nicht wie spät es war. Das Haus Nr. 37 war gelb angestrichen und sah aus, als ob in diesem Haus niemand wohnte. Aus einem benachbarten Kinderladen kam eine Horde Kinder gestürmt. Langsam kam von Norden fast im Schritttempo ein Kleinlaster die Straße heruntergefahren. Engelhardt machte ein Zeichen und sie hielten vor dem Haus an. Neben dem Frisörladen stand ein junges Mädchen und zeigte ihren nackten Speckbauch und ihr gepierctes Gesicht. Vanderbelt musste schmunzeln. Engelhardt mochte diese Gegend nicht. Seiner Meinung nach war Lehe ein absaufender Stadtteil, der langsam aber sicher verwahrloste. Hier wohnten unproportional viele Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, arme Rentner und viele Ausländer aus dem türkischen Bereich. Viele Hauseigentümer ließen seit Jahren nichts mehr an Wohnungen und Häusern machen. Einige Häuser standen völlig leer. Bei anderen Häusern bröckelte der Putz von der Fassade, wiederum andere Häuser waren kaum noch bewohnt oder einfach im Erdgeschossbereich mit Holzplatten zugenagelt. Die Stadt Vandenburg versuchte seit kurzem den Abriss einiger Häuser voranzutreiben, aber die Eigentümer wehrten sich. Klaus Engelhardt wurde plötzlich nervös. Er spürte sein Herz unangenehm. Leck mich doch am Arsch, dachte er, aber es nützte nichts. Engelhardt versuchte sich vorzustellen, was passierte, wenn sie John Barrelts in seiner Wohnung antrafen. Wie würde er reagieren? Klaus Engelhardt dachte an das was sein Chef ihm gesagt hatte: Seid vorsichtig. Mehr beunruhigte Engelhardt die Tatsache, dass Barrelts angeblich nervenkrank sein sollte. Und Barrelts stand im Verdacht den Werftdirektor Henry Wachtel-Goldschmidt ermordet zu haben. Wenn man die Fingerabdrücke von Barrelts hatte, würde man auch wissen, ob er derjenige, der das Messer gegen den Werftdirektor geführt hatte.

Sven Vanderbelt riss seinen Kollegen aus seinen Gedanken. Die junge Frau mit dem Speckbauch sah Vanderbelt interessiert und neugierig an. Klaus Engelhardt drückte auf den Klingelknopf von Barrelts. Aber es tat sich nichts. Der hat sich doch wohl nicht umgebracht? dachte Engelhardt. Und wenn der da oben mit einer automatischen Waffe auf uns wartet? dachte Vanderbelt. Engelhardt drückten noch einmal auf den Klingelknopf mit der Aufschrift „Barrelts“, dann entdeckte er, dass die Haustür geöffnet war. Die beiden jungen Kripobeamten betraten das Haus Nr. 37 und stiegen langsam und vorsichtig die Treppenstufen nach oben hinauf. Klaus Engelhardt hörte aus der Wohnung im 1. Stock mörderische Bassgeräusche. Sven Vanderbelt dachte nur an eines: an seine geliebte Simone. Engelhardt dachte daran, dass Barrelts im II. Stock wohnte. Langsam näherten sich sie sich im II. Stock der Wohnungstür, auf der stand „John Barrelts“.




  1. Liebe

Als Simone Schwarzkopf in der Wohnung von Felix de Buer erwachte, hatte sie Kopfschmerzen. Sie faßte sich an den Kopf und spürte Blut am Kopf. Was war passiert? Sie versuchte sich zu orientieren. Wie spät war es? Wo war sie? Erschrocken entdeckte sie den toten Kanninger schräg vor sich. Ängstlich sah sie sich um, aber es war niemand da. Sie versuchte aufzustehen, schwankte zum Fenster und sah aus dem 4. Stock auf die Pleene.

Ich muss Charly anrufen, dachte sie. Aber das Handy von Kammeier war aus irgendwelchen nicht erreichbar. Vielleicht hat er kein Netz. Engelhardt wollte sie nicht anrufen, er war immer neidisch auf sie gewesen. Dann dachte sie mit einem Gefühl der Freude an den netten Sven Vanderbelt. Sie sah ihn vor sich, wie er immer so verlegen und schüchtern vor ihr stand, wenn sie mal alleine waren. Als sie bei der Kripo angefangen hatte, hatte eine Kollegin sie vor ihm gewarnt, er sei ein Weiberheld. Seitdem hielt sie ihn sich auf Distanz. Als sie seine Nummer anrief um ihn um Hilfe zu bitten, sah sie ihn vor sich, und sie musste sich eingestehen, dass sie ihn attraktiv fand. Sie ließ es klingeln und bald meldete sich Vanderbelt ganz leise.

Hier ist Simone, high.“ Sprach sie mit ihrer sanften Stimme.

Vanderbelt meldete sich und hörte die Stimme seiner Angebeteten. Gott, dachte er, was sie für eine Stimme hat und war schon wieder hin und weg und vergaß in diesem Augenblick, dass sie vor der Wohnung eines möglichen Mörders standen. Engelhardt machte ihm ein Zeichen.

Sven Vanderbelt meldete sich, lief rot an, fühlte sich geschmeichelt und in den Himmel gehoben und stammelte irgendwelchen Blödsinn ins Telefon, den Simone nicht verstand.

Simone sagte: „Sven, Du musst mir helfen. Ich bin hier bei Kanninger An der Pleene 15 im 4. Stock. Kanninger ist ermordet worden und mich hat man niedergeschlagen. Kannst Du kommen?“

Vanderbelt hätte sich in diesem Augenblick nichts Schöneres vorstellen können als von seiner geliebten Simone um Hilfe gebeten zu werden. Er stotterte irgend Etwas ins Telefon, dass sich anhörte wie: ich komme. Nichts, dass ich lieber täte.

Wieder musste sie daran denken, dass die Kollegin Bellmann vor einiger Zeit zu ihr gesagt hatte: der Sven Vanderbelt ist in Dich verknallt.

Sven Vanderbelt stand zusammen mit Engelhardt vor der Wohnung von John Barrelts und hatte ein Problem. Sie sollten die Wohnung durchsuchen. Nun aber brauchte Simone seine Hilfe, sie war in Not. Das war seine Chance. Vanderbelt nahm Engelhardt an die Seite und sagte zu ihm: „Simone wurde im Hochhaus an der Peene 15 niedergeschlagen. Sie hat mich um Hilfe gebeten. Was meinst Du, soll ich hinfahren, oder wollen wir Sache hier erst zu Ende bringen?“

Klaus Engelhardt hatte ein Verschwörerlächeln auf dem Gesicht als er sagte: „Fahr hin und hilf Ihr. Ich mache hier alleine weiter.“

Sven Vanderbelt strahlte erleichtert. Er war noch nie so schnell zu einem Einsatzort gefahren. Klaus Engelhardt aber, der Mann für die Hintergrundarbeit, der Außendienst und Hausbesuche nicht mochte, hatte plötzlich ein Problem. Er gab sich einen Ruck und klingelte an der Wohnungstür von John Barrelts. Nacheiner Weile öffnete ein Mann von ca. 30 Jahren die Tür. Vom ersten Moment an tat Engelhardt der Mann leid, er wusste noch nicht warum. Auch wenn er ein Mörder sein sollte, er hatte sein Mitgefühl. Barrelts stand friedlich in der Tür, er sah krank und hilflos aus, fand Engelhardt. Der Kommissar dachte nach. Nein, er würde jetzt nicht den Durchsuchungsbefehl aus der Tasche ziehen. Er wollte sich mit diesem Menschen unterhalten, ihn kennen lernen und hören, was er zu sagen hatte. Er fand sich selbst verrückt. Klaus Engelhardt sagte:

Mein Name ist Klaus Engelhardt, ich bin von der Polizei, wir ermitteln im Mordfall des Werftdirektors Henry Wachtel-Goldschmidt. Darf ich herein kommen?“

Engelhardt hatte das in einem freundlichen, ja demütigen Ton gesagt, so als wenn er keine Macht hatte und nur zu einem netten Gespräch gekommen war. John Barrelts dagegen hatte die Angst des Verfolgten. Eigentlich hatte er gar nicht öffnen wollen. Schon seit Tagen wartete er darauf, dass die Polizei vor seiner Tür stand und ihn verhaften wollte. Aber nichts dergleichen war geschehen. Stattdessen stand dieser seltsame Polizist vor seiner Tür, der einen unerfahrenen Eindruck machte. Barrelts sagte in einem Ton von Misstrauen und Neugier: „Kommen Sie bitte herein.“

Klaus Engelhardt hatte eine unordentliche und verwahrloste Wohnung erwartet. Aber als er die Wohnung betrat war er angenehm überrascht. Sie setzten sich in der Küche zusammen und Engelhardt sagte: „Herr Barrelts, ich will nicht lange darum herum reden. Am 1. März wurde mittags vor dem Verwaltungsgebäude der Landau-Werft der Werftdirektor von einem in ganz in schwarz gekleideten jungen Mann nieder gestochen. Der Täter muss die Gewohnheiten des Opfers gekannt haben. Deshalb haben wir zunächst unter der Belegschaft ermittelt. Esfiel uns auf, dass sie bis vor ein paar Monaten auf der Landau-Werft gearbeitet haben, Ihnen dann aber gekündigt wurde. Man hat mir erzählt, dass sie hohe Fehlzeiten wegen Krankheit hatten. Sie hätten vielleicht ein Motiv.“

John Barrelts sagte: „Ich will auch ganz ehrlich zu Ihnen sein, Herr Engelhardt. Ich bin von Beruf Ingenieur und mir machte meine Arbeit Spaß. Aber ich habe ein Problem, ich leide an einer chronischen Psychose, und bin den Belastungen und Anforderungen nicht immer gewachsen gewesen. Ich halte mich an die Anweisungen meines Psychiaters Dr. Bolten, und nehme die Psychopharmaka regelmäßig ein. Aber bei Stress kann es schon mal sein, dass ich anfange Stimmen zu hören oder ich werde depressiv. Was soll ich tun? Auf der Arbeit konnte ich mit meinen Kollegen darüber nicht sprechen, die hätten das nicht verstanden. Auf der Arbeit interessiert nur, ob ich meine Arbeit mache und zwar gut. Nachdem ich wiederholt längere Zeiten gefehlt habe, hat man mir gekündigt. Ich gebe zu, ich war sauer und enttäuscht. Ich kriege doch in der heutigen Zeit nie wieder einen Job . Ich bin doch erledigt mit der Krankheit.“

Engelhardt fragte: „Wo waren Sie am 1. März mittags gegen 12 Uhr?“

Barrelts antwortete erwartungsgemäß: „Ich war vor der Werft und habe den Direktor erstochen.“ Engelhardt hätte nun zufrieden und glücklich sein müssen, aber er war es nicht. Engelhardt glaubte Barrelts kein Wort. Das merkwürdige war, dass Barrelts gesprochen hatte, als sei es ihm suggeriert worden. Er hatte wie eine Maschine oder ein Tonband gesprochen, regungslos und ohne Emotionen. Klaus Engelhardt war kein erfahrener Kripobeamter, aber sein Gefühl sagte ihm, dass hier etwas nicht stimmte. Er bat John Barrelts freundlich sich in seiner Wohnung umschauen zu dürfen. Dem gab Barrelts statt. Engelhardt nahm Barrelts mit aufs Revier, ließ ihm die Fingerabdrücke abnehmen, ließ ihn das Geständnis lustlos unterschreiben und verhaftet ihn. .



  1. Die Maren-Bronsch-Gesellschaft

Am Mittwoch, den 16. April hatte Kammeier der Maren-Bronsch-Gesellschaft einen Besuch abstatten wollen, überlegte es sich dann aber kurzfristig doch anders. Er nahm den Schlüssel für James R. Boogels Wohnung mit und fing noch einmal ganz vorne an die Wohnung zu durchsuchen. In der Parterre-Wohnung Gnesenerstraße 5 wurde er nach einer Stunde fündig. Er hatte den Becher Kaffee noch gar nicht ausgetrunken, als ihm einfiel, wo James seine Tagebücher zu verstecken pflegte. Warum hatten sie nicht daran gedacht? Boogel hatte unter dem Pseudonym „Rotbarsch“ bei Google ein Blog geführt. Kammeier rief die Seite auf und begann den anonymisierten Text zu lesen:

Lange hatte der Rotbarsch über die ehrenwerte Gesellschaft geforscht. Es waren Morde passiert im Auftrag der Gesellschaft und jeder glaubte es gehe um Gerechtigkeit. Es geht im Leben immer um Gerechtigkeit. Aber wenn die Macht im Hintergrund die Fäden zieht wird es unheimlich. Wer möchte nicht einen Sachbearbeiter des Sozialamtes umbringen, der einem Klienten die Sozialhilfe wegen Bettelei kürzt, aber wenn der Mensch vom Sozialamt im Vorstand der der Ehrenwerten Gesellschaft sitzt, was dann? Ein Werftdirektor wird ermordet, scheinbar von einem Anarchisten, später stellt sich heraus, der Werftdirektor war Mitglied im Vorstand der Ehrenwerten Gesellschaft und unerwünscht. Die Geschäftsführerin der Ehrenwerten Gesellschaft wird auf offener Straße ermordet, waren es die Anarchisten, oder die Rivalen aus dem Vorstand? Rotbarsch hatte lange gebraucht um dahinter zu kommen. Schließlich wurde ihm klar, dass ein Pate der Ehrenwerten Gesellschaft dabei war die Macht zu übernehmen, und dass der Pate auch bereit war seinen Sohn zu opfern. Wenn ein Sohn seine Eltern haßt, hat er Gründe.

An anderer Stelle schrieb Boogel getarnt als Rotbarsch: Die Paten wollen die Ehrenwerte Gesellschaft übernehmen und sie schicken ihr Uboot in das Netz der Anarchisten um sie zu unterwandern. Sogar den eigenen Sohn lassen sie dabei über die Klinge springen. Es geht nur um Geld und Macht. Getarnt als freundliche Helfer sitzen sie auf einer Insel und ziehen die Fäden.

Der letzte Eintrag lautete: Rotbarsch hat Angst, er weiß zu viel. Mächtige Kräfte unterwandern die Ehrenwerte Gesellschaft. Geht es um Geldwäsche, politischen Einfluss oder Macht?



  1. Ruhiger Donnerstag

Vandenburg, der 7. Mai. Kammeier saß an seinem Schreibtisch und dachte nach. An diesem frühen Morgen war der Himmel noch hellgrau, von draußen hörte er die Vögel zwitschern. Jemand hatte ihn schon einen Versager genannt, weil sie im Fall der 6 Gerechten, wie er den Fall nannte, nicht voran kamen. Es war Viertel nach 7 Uhr und der Kommissar streckte seinen Rücken gerade. Er träumte von Urlaub auf der Insel Rugano, die der Stadt Qindao im Norden von Vandenburg vorgelagert war. Er begann sich Notizen zu machen:

Am 28. Februar wurde ein Sachbearbeiter des Sozialamtes, Wilhelm Schnödel, wahrscheinlich von Felix von Lehe erstochen.. Man fand sein Handy am Tatort. Eine Anna Bauer gibt eine Personenbeschreibung des Täters ab. 1,85m groß, ungelenke Bewegungen, ganz in schwarz, Sturmhaube auf. Im Telefonbuch des Handys von Felix v.L. finden sich Namen von Leuten, von denen Kommissar Brinkmann sagt, sie gehörten alle zu einer Anarchistengruppe. In der Wohnung von von Lehe haben wir ein Fotoalbum gefunden, das von Lehe mit Freunden zeigt, vielleicht sind es die Anarchisten. Von Lehe leidet an einem Hirnschädeltrauma, seine Wohnung war verwahrlost, seinen Laptop hatte er mitgenommen. Von Lehe ist abgetaucht. In der Wohnung von von Lehe wurde später sein Freund, der alte Kanninger, in Gegenwart von Simone ermordet. Wer hat Kanninger ermordet? Welche Beweise haben wir gegen von Lehe? Die Augenzeugin. In der Wohnung wurden die gleichen Convers-Sportschuhe gefunden wie am Tatort..

Am 1. März wurde der Direktor der Landau-Werft ermordet. Am Tatort fand sich ein Messer mit Blut. John Barrelts wurde von uns verdächtigt. Gibt den Mord auch zu. Engelhardt glaubt an seine Unschuld.

Am 2. März wurde die Geschäftsführerin der Maren-Bronsch-Gesellschaft, Luise Bettenstieg, vor ihrer Villa von zwei Schwarz Vermummten tot geprügelt. In der Nähe wurde der Corsa von Philipp Gonzales gesehen, mit dem die beiden jungen Männer flüchteten. Nach den Personenbeschreibungen können es Klaus Schumann und Philipp Gonzales gewesen sein, die auch zur Anarchistengruppe gehören sollen. Auch hier gibt es eine Zeugin und die Tatsache, dass die Mörder in seinem Auto geflüchtet sind.

Dem 4. Mord fiel sein Freund James R. Boogel in der Kloppenburg-Villa zum Opfer. Sie vermuteten Streitereien zwischen den Anarchisten. Zeugen: Philipp Gonzales und Zui Zhen. Die Munition von Schumann.

Der alte Kanninger war das fünfte Opfer. In Gegenwart von Simone wurde Kanninger ermordet, damit er nicht reden kann. Wie kam der Mörder in die Wohnung? Es wurde Munition gefunden und zwar die gleiche wie beim Mord an Boogel.

Zunäcbst waren wir davon ausgegangen, dass eine Gruppe von Anarchisten aus Gründen von Gerechtigkeit und Rache Personen des öffentlichen Lebens umbringt. Inzwischen gibt es die Vermutung, dass hinter diesen Morden Drahtzieher aus der Maren-Bronsch- Gesellschaft stecken könnten. Wir wissen von Boogel, dass Schumann von der MBG bezahlt wird. Die Eltern von Philipp Gonzales sitzen im Vorstand der MBG. Vier Mitglieder der Anarchistengruppe sind immer noch flüchtig: Felix von Lehe, Klaus Schumann, Philipp Gonzales und Zui Zhen.

Klaus Engelhardt sollte längst die Wohnung von Philipp Gonzales durchsucht haben, wie lange braucht er noch dafür?

Wer sitzt im Vorstand der MBG?

Charly Kammeier stand auf und sah aus dem Fenster. Es war schon kurz nach neun Uhr, als seine Kollegin Simone Schwarzkopf herein kam wie ein Sturmwind. Sie hatte überschäumend gute Laune. Mißtrauisch beäugte Kammeier seine junge Kollegin und dachte: Ich habe es doch gewusst, dass es eines Tages passiert..

Es ist nicht, was Du schon wieder denkst?, sagte sie, als habe sie seine Gedanken erraten.

Auf gar keinen Fall“, entgegnete er und lachte sie schelmisch an. Sie nahm ihn in den Arm und sagte: „Ich bleibe für Dich was ich immer war.“

Das will ich hoffen“, sagte er trotzig. Sie setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch und meinte nach einer Weile ernst: „Ich habe über unseren Fall nach gedacht und bin der Meinung, wir müssen dringend diese Flüchtigen von Lehe, Schumann und Gonzales finden. Als erstes sollte wir uns die Wohnung von Gonzales, Grottenweg 5, vornehmen. Die drei können nicht vom Erdboden verschwunden sein. Vielleicht stecken sie doch wieder in der Kloppenburg-Villa. Die Villa steht zwar unter Bewachung, sie könnten aber durch den Tunnel zurückgekehrt sein.“

Das ist gut“, meinte Kammeier und fuhr fort: „Ich habe in den Unterlagen von Boogel eine Liste der Vorstandsmitglieder der Maren-Bronsch-Gesellschaft gefunden.“ Er las vor: „ Louise Bettenstieg, Henry-Wachtel-Goldschmidt, Wilhelm Schnödel, Uwe Gonzales, Elisabeth Gonzales, Marion Bettenstieg, Bernd Andersen und Mechthild Krause.“

Zehn Minuten später erschienen Engelhardt und Vanderbelt und setzten sich kommentarlos. Kammeier registrierte mit leichter Eifersucht, dass sich Sven Vanderbelt spontan zu Simon gesetzt hatte und diese ihn anschaute und lächelte. Haben die beiden etwas miteinander, fragte sich Kammeier.

Kommissar Kammeier ergriff das Wort und sagte: „Wir werden uns heute die Wohnung von Philipp Gonzales vornehmen. Durchsuchungsbefehl liegt ja vor. Klaus, Du kümmerst Dich um den Schlüsseldienst, falls er nicht da ist. Ach ja, da ist noch etwas. Hier liegt die Liste der Vorstandsmitglieder der MBG. Kennt Ihr jemanden von denen?“

Engelhardt meinte:„Ich habe mal wieder ein bisschen recherchiert. Das Ehepaar Gonzales gilt als schwer vermögend, ihnen gehört die halbe Insel Rugano. Die Insel im Norden vor Qindao. Sie soll geerbt haben. Man sagt ihm aber auch Kontakte zur platagonischen Mafia nach. Bernd Andersen ist der Kontaktmann zur Pleene-Bank und Mechthild Krause gilt als graue Eminenz im Hintergrund. Man vermutet, dass sie über die MBG Drogengelder wäscht, aber dafür gibt es keine Beweise. In der Liste fehlt noch Monika van Heukelum.“

Nicht doch“, meinte Schwarzkopf, „ist das etwa die Ehefrau von unserem Chef?“



  1. Grottenweg 5

Ganz im Norden von Vandenburg lag der vornehme Stadtteil Bisterfeld. Dort wohnte in einer Seitenstraße Philipp Gonzales. Als Kammeier und Kollegen dort gegen 8.15 Uhr eintrafen, hatte die Polizei das Haus bereits umstellt. Es handelte sich um ein Apartmenthaus mit Eigentumswohnungen. Engelhardt hatte herausgefunden, dass Gonzales eine 3-Zimmer-Wohnung nach hinten hinaus bewohnte. Es war die Eigentumswohnung seiner Eltern, die Philipp hier bewohnte und in der er sich sehr wohl fühlte.Wenn man die Wohnung betrat, lag links das Arbeitszimmer von Philipp, daneben die völlig eingerichtete Küche und gerade aus ging man in der Wohnzimmer ohne Tür mit zwei großen Fenstern über Eck mit Blick ins Grüne. Außerdem besaß die Wohnung noch ein Schlafzimmer mit Durchgang ins völlig renovierte Badezimmer. Am Eingang rechts befand sich das Gäste-Bad. Im Arbeitszimmer, in der Küche und im Schlafzimmer waren Glastüren angebracht, was die Wohnung noch heller machte. Überall lag Fußbodenheizung. An diesem Morgen lagen Zui und Philipp noch im Bett. Es war noch früh, und Philipp stand auf um aufs Clo zu gehen. Er sah mißtrauisch aus dem Fenster und dachte: wir sind naiv, dass wir uns in meiner Wohnung aufhalten, irgendwann kommen die Bullen und stehen vor der Tür. Aber es ist so schön bequem, ich habe wirklich keinen Bock wie Schumann in der Kloppenburg-Villa zu verbringen. Er sah aus dem Wohnzimmer-Fenster nach hinten und erschrak. Hinter den Büschen oben auf dem Weg hinterm Haus liefen Typen herum, die ihm sehr nach Polizei aussahen. Ein Blick aus dem Arbeitszimmer an der Seite bestätigt seine Angst. Es wurde höchste Zeit zu verschwinden. Ein Blick durch den Spion zeigte ihm, dass niemand auf dem Flur stand. Schnell weckte er Zui. Zui Zhen aber sagte nur: „Wenn ich Dir wichtig bin, und Du mit mir zusammen bleiben willst, veranstaltest Du jetzt hier keine Schießerei, sondern lässt die Kripo rein und redest mit Ihnen.“

Der charmante Philipp Gonzales hatte Angst. Er sagte: „Sie werden mich verhaften, weil ich mit Schumann zusammen die Bettenstieg erschlagen habe. Und sie werden meine Wohnung durchsuchen.“

Zui Zhen aber meinte nur: „Du musst da jetzt durch und für das gerade stehen, was Du gemacht hast, sonst trenne ich mich von Dir.“

Philipp Gonzales dachte: „Manchmal ist es besser man macht gar nichts statt Aktionismus. Er duschte sich in aller Ruhe, zog sich an und machte für Zui Zhen Frühstück. Um 8.20 Uhr klingelte es an der Tür. Gonzales hatte keine Waffen in der Wohnung. Zui meldete sich an der Haustürklingel und ließ die Kripo ins Haus.

Als Kommissar Kammeier zusammen mit seinen Kollegen vor dem Apartment im I. Stock stand, war Hochspannung angesagt. Philipp Gonzales öffnete selbst die Tür. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass Zui und Philipp nicht bewaffnet waren. Kammeier sagte: Herr Gonzales, sie stehen im Verdacht zusammen mit Klaus Schumann Louise Bettenstieg ermordet zu haben. Wir haben einen Durchsuchungsbefehl für Ihre Wohnung. Gonzales nickte nur. Kammeiers Kollegen begannen mit ihrer Arbeit.

Kammeier sagte: „Am 2. März wurde Louise Bettenstieg vor ihrem Haus in der Chipton-Straße von zwei jungen ganz in schwarz gekleideten Männern mit Baseballschlägern brutal zusammen geprügelt und ermordet. Ein Zeuge hat ausgesagt: Der eine sah brutal wie ein Krimineller aus, und ich glaube sogar, dass er eine Waffe dabei hatte. Der andere sah eigentlich ganz nett aus. Ein richtig gut aussehender junger Mann. Der hat bei den Frauen bestimmt Chancen. Ich schätze ihn auf Mitte zwanzig. Sah aus wie einer, der aus einer besseren Kiste kommt. Aber der hatte irgendwie eine stinkende Wut auf diese Frau.-

Die beiden Täter sind mit ihrem Corsa geflüchtet, Herr Gonzales. Geben Sie zu, dass Sie Frau Bettenstieg ermordet haben?“

Philipp Gonzales lief rot an. Er sah nach unten. Dann meinte er: „Ich hatte eine Mordswut auf meine Eltern. Wir hatten vorher getrunken. Ich wusste von meinen Eltern, dass sie einige Leute aus dem Vorstand raus haben wollten. Auf die Bettenstieg hatte ich schon länger eine Mordswut, weil sie mich im Praktikum dort wie Luft behandelt hat. Die ganze Sache fing mit Ungerechtigkeiten und Rache an, später waren wir wohl nur noch die Marionetten der Maren-Bronsch-Gesellschaft. Ich bin über mich selbst und mein Handeln zutiefst selbst erschrocken. Wie konnte ich so die Kontrolle über mich verlieren?“

Nach einer Weile des Schweigens fuhr er fort: „Felix, Klaus, James, John, Zui und ich wollten Gerechtigkeit. Wir gründeten diese Anarchistengruppe und verstiegen uns dazu durch individuellen Terror Rache zu nehmen. Wir merkten nur nicht, dass einer von uns, nämlich Klaus Schumann, mit seinen Vorschlägen wen wir bestrafen sollten, genau die Anweisungen von Teilen des Vorstandes der MBG ausführte. Nach dem was ich weiß, versuchen meine Eltern seit einiger Zeit zusammen mit Bernd Andersen (Pleene-Bank), Marion Bettenstieg, Monika van Heukelum und Mechthild Krause Einfluss auf die MBG zu nehmen. Dabei waren Schnödel, Wachtel-.Goldschmidt und Louise Bettenstieg im Weg. Und wir Idioten haben die Drecksarbeit gemacht.“

Simone Schwarzkopf kommentierte: „Wenn ich mir diese Luxuswohnung anschaue, hat sich die Drecksarbeit doch gelohnt. Aber um mal das Thema zu wechseln. Können Sie denn dem Vorstand Maren-Bronsch-Gesellschaft nachweisen, dass sie an den Morden an Schnödel, Wachtel-Goldschmidt, Bettenstieg, Boogel und Kanninger beteiligt waren?“

Es entstand ein eisiges Schweigen. Jetzt geht es ans Eingemachte dachte Schwarzkopf. Philipp Gonzales schwieg. Aber Zui Zhen begann zu reden: „Klaus Schumann hat mal bei mir in der Kneipe gesessen und im besoffenen Kopf erzählt, dass ihm die Schwester von Louise Bettenstieg viel Geld versprochen hat, wenn er seine Schwester beseitigt. Auf den Kopf von Schnödel hatte Marion Bettenstieg 20.000€ ausgesetzt. Das Geld soll von Lehe erhalten haben. Für den Mord an Wachtel-Goldschmidt waren 30.000€ ausgesetzt. Barrelts hat aber nur 20.000€ bekommen. Und Philipp und Schumann haben für den Mord an Louise Bettenstieg zusammen 50.000€ erhalten.“

Das ist ja ganz gut und schön“, meinte Schwarzkopf, „aber wo sind die Beweise?“

An diesem Morgen wurde Philipp Gonzales von der Kripo mit ins Polizeihaus zur weiteren Vernehmung und zur Vorstellung beim Richter mitgenommen.



  1. Rugano

Am Morgen des 9. Mai erwachte Kammeier mit schwerem Kopf, hatte keine Lust aber trübe Gedanken. Er war schon gegen 5 Uhr aufgewacht und wunderte sich. Durch die Vorhänge des Schlafzimmers schien die Sonne hell. Er wollte nicht an seine Arbeit denken und keine Probleme wälzen. Er machte sich einenBecher Kaffee in der Hoffnung, dass dass helfen könnte. Sein Zen-Meister hatte aber schon zu ihm gesagt: Kaffee ist ein Magnesiumkiller. Er raubt die Ruhe und die Gelassenheit. Er sah aus dem Fenster des Reihenhaus in den Garten, ja Maria war mit der Gartenarbeit vorangekommen, allmählich bekam ihr Garten ein schönes Aussehen.

Am Tag vorher hatten sie Philipp Gonzales verhaftet und damit den zweiten Mörder nach John Barrelts festgenommen. Sie waren vorangekommen, aber zufrieden war Kammeier nicht. Immer noch waren von Lehe und Schumann auf der Flucht. Und wenn es sich um Auftragsmorde gehandelt hatte, würden sie noch mehr Arbeit bekommen, um die Hintermänner zu finden und dingfest zu machen. Kammeier ging davon aus, dass sie die Gesuchten über kurz oder lang in der Kloppenburg-Villa finden würden. Die Indizien gegen von Lehe waren ausreichend. Schumann würde man dem Zeugen gegenüber stellen. Man konnte es drehen und wenden wie man es wollte, er würde an diesem Tag den Eltern von Gonzales auf der Insel Rugano einen Besuch abstatten müssen. Für 10 Uhr hatte er sich mit seiner Kollegin Simone Schwarzkopf verabredet.

Die Fahrt zur Insel Rugano dauerte eine halbe Stunde und Simone war während der Fahrt still gewesen, was den Kommissar wunderte, weil sie sonst gerne plauderte. Über eine Hochbrücke kamen sie mit seinem BMW auf die grüne Insel, fuhren über Landstraßen und genossen den Anblick des farbigen Frühlings. Am Straßenrand blühte leuchtend gelb der Raps. Das Grün der Straßenbäume hatte eine fast magische Wirkung auf Kammeier. Hier gab es noch viele Alleen mit altem Baumbestand. Hin und wieder fuhren sie durch Dörfer, die aussahen wie nach dem Krieg. Dann endlich kam der gesuchte Ort Bansendorf in Sicht. Das Haus der Gonzales lag direkt an der Promenade zum Nordmeer.Es war ein altes renoviertes Haus aus der Jahrhundertwende und erinnerte an die wilhelminische Bäderarchitektur. Sie stellten das Auto hinter dem Haus ab, Kammeier nahm seinen Rucksack aus dem Kofferraum und sie gingen ein paar Schritte ums Haus. Der Anblick des Nordmeeres mit seiner Weite beeindruckte Kammeier. Es gab hier einen endlosen und wundervollen Sandstrand. Das Viertel sah vornehm und reich aus. Dem Kommissar gefiel die Gegend, er fand es einfach schön hier. Simone Schwarzkopf meinte: „Ja, hier kann man es aushalten. Das wäre die richtige Gegend für Urlaub.“

Kammeier klingelte an der Haustür und nach einer Weile wurde von einer rothaarigen, etwas runden Dame geöffnet, die ihn freundlich hinter ihrer Brille anschaute. Kammeier stellte seine Kollegin, sich und sein Anliegen vor.

Schwarzkopf dachte: Sie sieht wirklich wie eine Lehrerin aus, etwas kopflastig, exaltierter Aufzug und scharfer Blick. Frau Elisabeth Gonzales bat die Gäste von der Kripo ins Haus und führte sie in ein großes Zimmer mit Seeblick und Terrasse. Hier nahmen sie Platz. Frau Gonzales ließ Kaffee und paar Kekse bringen und versuchte freundlich zu lächeln. Der Kommissar genoss den Ausblick auf das Nordmeer und war vom Blick auf den Sandstrand und der Weite überwältigt. Ja, dachte er, das ist etwas Anderes als unser Blick vom Balkon in die Gärten der Nachbarn.

Es herrschte eine gewisse vornehme Kühle und Distanz im Umgang mit einander. Nachdem sie den Kaffee getrunken und Kammeier die Lage des Hauses und den faszinierenden Ausblick gelobt hatte, kam er zur Sache und sagte mit einer gewissen Befriedigung in der Stimme: „Wir haben gestern Ihren Sohn Philipp verhaftet. Er steht unter Verdacht die Geschäftsführerin der Maren-Bronsch-Gesellschaft, Louise Bettenstieg, am 2. März zusammen mit einem anderen jungen Mann ermordet zu haben.“

Simone Schwarzkopf beobachtete Frau Gonzales scharf, sie schien von der Nachricht überrascht, ja schockiert zu sein. Schwarzkopf dachte: war es nicht das, was sie wollte? Hatten sie nicht von langer Hand am Schreibtisch die Morde an ihren Rivalen im Vorstand der MBG geplant, Schumann die Aufträge erteilt und ihm das Geld dafür überwiesen? Laut sagte Simone Schwarzkopf: „Ihr Sohn gehörte zur Anarchistengruppe der Gerechten 6, und die haben insgesamt fünf Morde begangen. Ihr Sohn hat gestern ausgesagt, es habe sich bei den Morden an Wilhelm Schnödel, Louise Bettenstieg und Henry Wachtel-Goldschmidt um Auftragsmorde für eine Gruppe im Vorstand der MBG gehandelt, zu der auch ihr Mann und sie gehören sollen.“

In diesen schön gestalteten und großzügigen Räumen mit dem herrlichen Seeblick klangen die Worte von Simone Schwarzkopf wie eine Ungeheuerlichkeit. Unwirklich und fremd fühlte es sich an. Frau Gonzales steckte sich eine Zigarette an und begann im Wohnzimmer auf und ab zu gehen bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte und entgegnete: „Mein Mann ist von Beruf Psychiater und ich bin Lehrerin, was denken Sie sich eigentlich wen sie vor sich haben. Ich habe von meinen Eltern ein ansehnliches Vermögen geerbt, dass wir teilweise in die Maren-Bronsch-Gesellschaft investiert haben mit dem Ziel die Wohnverhältnisse in Lehe zu verbessern.“

Kommissar Kammeier räusperte sich amüsiert. Sogleich bekam er ihren Hochmut und ihre Arroganz zu spüren, als sie sagte: „Philipp war immer schon ein Versager, der sich sogar mit einer Asiatin einläßt. Er hat nie begreifen wollen worum es im Leben wirklich geht. Mag sein, dass Philipp jemanden ermordet hat, wir haben damit nichts zu tun. Ich werde mich über Sie beschweren. Die Frau von Kriminalrat van Heukelum sitzt bei uns im Vorstand.“

Frau Gonzales Stimme war schneidend wie eine Rasierklinge geworden, als sie fort fuhr: „.Mein Mann und ich investieren viel Geld in die Sanierung von Lehe, wir sind Kaufleute mehr nicht. Wir müssen rechnen und wir können rechnen, deshalb sind wir so erfolgreich. Das Problem, das die MBG in der Vergangenheit hatte, war ihre unfähige Führung, angefangen bei der Geschäftsführerin bis hin zu einigen Vorstandsmitgliedern, die die Zeichen der Zeit nicht verstanden haben. Was diese Morde betrifft, damit haben wir nichts zu tun.“

Kommissar Kammeier hatte nichts anderes erwartet. Bezüglich der Beschwerde konnte er sich in Gelassenheit üben, denn Kriminalrat van Heukelum war zwangsversetzt worden.



Er machte Simone ein Zeichen, aber diese hatte ihren eigenen Kopf als sie nachharkte und sagte: „Ist Klaus Schumann bei der MBG angestellt, oder hat die MGB einen Vertrag mit ihm?“

Die Spannung fing an zu knistern. Draußen zog eine dunkle Wolke vorbei, es sah nach Gewitter aus. Frau Gonzales sah Simone Schwarzkopf an wie ein lästiges Ungeziefer, dass man am besten zertritt und antwortete: „Schumann kenne ich persönlich nicht, ich weiß, dass er hin und wieder für die Gesellschaft kleine Aufträge ausgeführt hat wie z.B. Hausmeisterdienste.“

Simone Schwarzkopf konterte: „Schumann ist vorbestraft wegen schwerer Körperverletzung und illegalen Waffenbesitzes. Nach unseren Erkenntnissen hat er zwei Morde auf dem Gewissen.“

Kommissar Kammeier bedankte sich am Ende des Gespräches höflich für Kaffee und Kekse und stand auf um sich von der Dame des Hauses zu verabschieden. Elisabeth Gonzales begleitete die beiden zur Tür. Simon Schwarzkopf meinte zum Abschied: „Wir werden sicherlich nochmal wieder kommen.“



  1. Kammeier lässt denken

Am Montagmorgen war der Kommissar gerade in die Bürotür gekommen, als er einen Anruf vom Vorzimmer des Polizeidirektors erhielt. Die Dame sagte: „Herr Kammeier, der Direktor wünscht Sie, Frau Schwarzkopf, Herrn Engelhardt und Herrn Vanderbelt um 8.30 Uhr in seinem Büro zu sehen.“

Charly Kammeier musste sich eingestehen, dass er weiche Knie hatte, als er zusammen mit seinen drei Kollegen das Vorzimmer des Direktors betrat. Hatten sich die Gonzales etwa an oberster Stelle beschwert und würde es jetzt eine Dienstanweisung geben? Er hatte nicht mehr viel Zeit sich Sorgen zu machen, denn kurz darauf erschien Polizeidirektor Neumann. Er sagte: „ Machen wir es kurz. Sie wissen, dass van Heukelum zwangsversetzt werden musste, er wird nicht zurückkehren, sondern in Frühpension gehen. Kammeier, Sie werden ab sofort die Stelle von van Heukelum übernehmen und Frau Schwarzkopf, sie werden die Mordkommission leiten, also erste Kommissarin.“

Das schlug ein wie eine Bombe. Kammeier hatte das Gefühl, als wolle man ihn nun aufs Abstellgleis stellen. Büroarbeit und Verwaltung ohne Ende. Simone Schwarzkopf freute sich einfach nur und meinte ironisch: „Kommissar Kammerei läßt ab jetzt denken.“

Charles Kammeier bedankte sich für die Beförderung. Gleichzeitig fragte er sich, ob es das war was die Gonzeles erreichen wollten, ihn mit einer Beförderung kalt zu stellen?

Die Vorzimmerdame hatte Sekt zum Anstoßen gebracht. Der Polizeidirektor meinte mit einem charmanten Lächeln zu Kammeier und den anderen: „Ab jetzt lassen Sie mal die anderen schnüffeln. Ich gehe davon aus, dass ab sofort Frau Schwarzkopf, Herr Vanderbelt und Herr Engelhardt den Fall der Gerechten 6 bearbeiten. Prost!“

Kammeier war unglücklich über diese Versetzung und Beförderung, aber was sollte er machen? Ein Blick zu Simone und Sven zeigte ihm, wer zukünftig erfolgreich die Fälle würde lösen. Und wenn er Simone beobachtete, wie sie Sven Vanderbelt anschmachtete, wurde ihm ganz anders. Er war schlicht eifersüchtig. Noch am gleichen Tag musste Kammeier sein Büro räumen und zog eine Etage höher. Kommissarin Schwarzkopf musste sich nun das Zimmer mit Sven Vanderbelt teilen, was sie gerne tat. Es war der 11. Mai und Simone saß an ihrem Schreibtisch, traurig, weil sie sich von ihrem Chef trennen musste, voller Freude, weil sie Sven nun noch mehr in ihrer Nähe hatte.

Es ist ja noch gar nichts passiert, dachte sie. Sie sah aus dem Fenster. Es wurde Zeit sich wieder auf den Mordfall zu konzentrieren. Die Arbeit musste weitergehen. Sie sagte zu Sven: „Von Lehe und Klaus Schumann laufen immer noch frei herum. Es wird Zeit, dass wir sie fassen. Wir brauchen allerdings noch Verstärkung für unser Team brauchen. Ich hoffe, Charles schickt uns noch jemanden.“

Sven Vanderbelt war unverhofft in eine Situation gelangt, die er sich immer erträumt hatte: zusammen mit Simon Fälle lösen und in ihrer Nähe sein, aber würde das dienstlich auch funktionieren, wo er doch so verliebt in sie war? Er spürte schon in letzter Zeit, dass seine Zuneigung erwidert wurde. Klaus Engelhardt kam zur Tür herein, etwas unsicher, etwas abwartend. Simon ergriff die Gelegenheit auf Engelhardt zuzugehen und zu sagen: „Komm rein, wir müssen sowieso reden und die weiteren Schritte bereden.“

Klaus Engelhardt holte sich einen Stuhl und setzte sich zu den beiden Kollegen. Noch einmal ging die Tür auf und Kriminalrat Kammeier trat ein. Er hatte eine Frau im Schlepptau. Kammerei sagte: „Achtung Kontrolle. Also Kollegen, ich bringe Euch Unterstützung. Das ist Frauke Hellmann, Eure neue Kollegin. Seid nett zu ihr.“

Alle fragten sich in diesem Moment, ob Kammeier sich nun in ihre Arbeit einmischen würde. Tatsächlich setzte er sich in die Runde und ließ sich einen Kaffee einschenken, sonst hörte er nur aufmerksam zu. Frauke Hellmann stellte sich kurz vor: „Ich war bis vor kurzem bei der Kripo in Aldera, und habe dort im Drogendezernat gearbeitet. Ich bin 42 Jahre alt, habe einen Hund, trenne mich gerade von meinem Mann und esse gerne Schokolade.“

Alle mussten lachen. Simone Schwarzkopf als Chefin ergriff das Wort: „Charly und ich haben am Samstag auf Rugano die Mutter von Philipp Gonzales besucht.“ Sie gab nun einen ausführlichen Bericht und eine Einschätzung. Zum Schluss fasste sie zusammen: „Es geht also in den nächsten Schritten darum, Felix von Lehe und Klaus Schumann zu fassen. Das werden Sven und ich übernehmen. Wer der Mörder des alten Kanninger ist, wissen wir auch noch nicht. Gibt es schon Untersuchungsergebnisse bezüglich der gefundenen Munition, Sven?“

Vanderbelt hatte ihr fasziniert zugehört und wurde nun wieder wach und antwortete:“Boogel und Kanninger wurde mit der gleichen Waffe erschossen. Schumann könnte der Mörder gewesen sein.“

Simone fuhr fort:“Philipp Gonzales behauptet, die Morde an Schnödel, Wachtel-Goldschmidt und Bettenstieg seien Auftragsmorde der MBG gewesen. Wir brauchen dafür Beweise. Klaus, Du kümmerst Dich bitte um Kontoanfragen beiden Banken für Klaus Schumann, Philipp Gonzales, Felix von Lehe, James Boogel falls noch vorhanden, John Barrelts und Zui Zhen. Wie ist das Geld von der MBG zu den Mördern oder zu Schumann geflossen? Klaus und Frauke, darum werdet Ihr Euch kümmern.“

Wie wäre es mit einer Durchsuchung der Geschäftsräume der MBG per richterlichem Befehl?“ schlug Vanderbelt vor.

Klaus Engelhardt entgegnete: „Wir haben doch nicht wirklich etwas gegen die in der Hand. Außer der Aussage eines Mörders, der von sich ablenken will.“

Charly Kammeier sah aus dem Fenster auf seine Bicker-Werft gegenüber. Die junge Leute kamen auch ihn zurecht. Er wurde nicht mehr gebraucht im harten Alltag. Andererseits gefiel es ihm wie die jungen Leute die Sachen anpackten. Bei Frauke Hellmann musste man sehen, wie sie sich machte. Sie war eine erfahrene Kollegin aus Aldera. Sie war etwas runder vom Körperbau, aber sie hatte eine fröhliche und lebensbejahende Art, das gefiel ihm. Simone machte sich als erste Kommissarin gut. Er kannte sie jetzt schon so lange, sie war ihm vertraut wie eine Schwester oder eine Freundin. Simone musste man einfach mögen. Gemächlich ging alles seinen Gang.

Fortsetzung folgt....


Alle Rechte bei Peter Müller, Bremerhaven
Seelotse@gmail.com
11.05.2009

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